Hilfsnavigation

Volltextsuche

Seitenoptionen

Farbkontrast:
Textgröße:

Inhalt

headfoto01
headfoto02
headfoto03
headfoto04
headfoto05
headfoto06

Befragung älterer Menschen in einer Begegnungsstätte


Eine Gesellschaft ohne Einsamkeit?

Christian Carls, Forum Seniorenarbeit NRW,
Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe

Studien
Negatives Altersbild?
Einsamkeit: rein subjektiv?
Einsam vor dem Fernseher?
Selber schuld?
Persönlichkeitseigenschaft?
Fazit

Eine neue Debatte um Einsamkeit mit praktischen Folgen kann nur gelingen, wenn Hürden überwunden werden, die die Diskussion um Einsamkeit in der Vergangenheit so schwer gemacht haben. Wichtige Erschwernisse für eine fruchtbare Diskussion über Einsamkeit werden in diesem Beitrag angesprochen, insbesondere:

  1. die systematische Tendenz, Daten zur Kontaktsituation älterer Menschen (zu) positiv zu deuten
  2. ein überspannter Kampf für ein positives Bild vom Alter
  3. die Verdrängung eines praktikablen Begriffes von Einsamkeit durch einen verengten Begriff von "Isolation", der der begrenzten Logik quantifizierender Studien entspringt ("Messung")
  4. die überzogene Idee, vielstündige Mediennutzung nicht mehr als passiven Konsum, sondern als kommunikatives Geschehen zu deuten
  5. und die Neigung, Einsamkeit als rein innerpsychisches Geschehen zu betrachten und - ohne praktischen Effekt - die Verantwortung/Schuld dafür den Betroffenen selbst zuzuweisen.

 

Menschen sind soziale Wesen. Der Austausch mit anderen gibt uns Orientierung und Identität und ist die wohl wichtigste Voraussetzung für das erfolgreiche Bestreiten unseres Alltags. Zugleich ist die Verbindung mit anderen Menschen, ein Bedürfnis für sich. Der Wunsch nach Austausch mit anderen endet erst mit dem Tod. Bis dahin ist Kommunikation immer möglich. Selbst Menschen im Endstadium schwerer Demenz benötigen die Kommunikation mit anderen, auch wenn sie dieses Bedürfnis nicht auf gewohnte Weise ausdrücken können (Hartmann, 2006; Schützendorf, 2000).

Und trotzdem sind mitten in unseren Nachbarschaften viele Menschen von zum Teil extremen Formen der Vereinsamung betroffen - nicht nur alte Menschen, aber sie sind es auch. Und die Ausgliederung aus Strukturen der Berufs- und Familienarbeit in der dritten Lebensphase oder besondere gesundheitliche Beeinträchtigungen im Alter sind zugleich mit besonderen Erscheinungsformen von Einsamkeit verbunden.

Dennoch war "Einsamkeit" in der fachöffentlichen Debatte zur Seniorenarbeit seit langem ein eher randständiges Thema. In diesem Themenschwerpunkt des Forum Seniorenarbeit zu "Einsamkeit" soll dafür geworben werden, dass die Vereinsamung vieler Menschen wieder mehr als großes gesellschaftliches Problem wahrgenommen wird.

Zu einer vorurteilsfreien Betrachtung von "Einsamkeit" gehört, die Pathologisierung von Einsamkeit zu überwinden. Die Vereinsamung von Menschen folgt einer gesellschaftlichen Logik, der zu entgehen vielen Menschen nicht möglich ist. Als Ausweg finden Betroffene manchmal nur den Suizid. Stadtentwicklung, Quartiersentwicklung, Verkehrs- und Sozialpolitik hätte demgegenüber sehr viel mehr Möglichkeiten, die Vereinsamung von Menschen zu verhindern und eine gute soziale Einbindung zu fördern.

Die Gestaltung von Wohnquartieren kann Begegnung zwischen Nachbarn erleichtern oder, was noch meist der Fall ist, so gut wie unmöglich machen. Begegnungsangebote versprechen die Möglichkeit, nette Menschen kennenzulernen und persönliche Kontakte zu finden – die Realität aber sieht oft anders aus. Besuchsdienste werden beim Thema Einsamkeit immer wieder ins Spiel gebracht, doch in den meisten Orten gibt es nur kleine Gruppen alt gewordener Ehrenamtlicher, die an Kirchenmitglieder ab dem 75. Geburtstag Glückwunschkarten austragen und wenig Unterstützung erhalten. Gruppen, die wirklich Besuch und Gespräch auf Augenhöhe anbieten, sind selten und "ausgebucht". Ein gutes Beispiel dafür finden Sie hier im Themenschwerpunkt ("Telefonieren mit Herz"). Die oft behauptete Unzugänglichkeit "der Einsamen" ist nicht das Nadelöhr für die Herstellung von Kontakt und Gespräch. Bei vielen Befragungen habe ich immer wieder erlebt, wie leicht es ist, mit einsamen Menschen in guten Kontakt zu kommen.


Studien zu Isolation, Einsamkeit und soziale Einbindung im Alter

Zu Sozialkontakten älterer Menschen existieren viele Studien. Zumeist wurden dafür Begegnungen mit Bekannten, Angehörigen oder Gruppen gezählt.

Nach der großen Berliner Altersstudie von 1993 hatten 36% der über 70jährigen keine Freunde und über 50% keine Bekannten als Kontaktpersonen. Und 71% hatten keinen Kontakt zu ihren Nachbarn. Eine ähnlich geringe Zahl an Kontaktpersonen fand sich auch in anderen Studien zur Kontaktsituation älterer Menschen (weitere Daten z.B. bei Höpflinger, 2003 oder bei Künzel-Schön, 2000, 91ff). Auch Befragungen aus den 70er Jahren brachten schon ähnliche Ergebnisse.

In der Stadt Köln wurden Mitte der 70er Jahre über 1000 ältere Menschen u.a. nach ihren Sozialkontakten befragt. Dabei ergab sich folgendes Bild:

Keinen Kontakt zu Nachbarn hatten 83%, keine engen Freunde: 77%, keine näheren Bekannten: 76% und keinen Kontakt zu engerer Verwandtschaft (außer Kindern): 27%. 30% der damals Befragten hatten Kontakt lediglich zu einer Person der engeren Verwandtschaft (Forschungsgruppe Gerontologie..., 1979, S. 127). Ohne jegliche Kontaktperson, also ohne PartnerIn, ohne Kontakt zu Verwandten, FreundInnen, NachbarInnen, KollegInnen oder BetreuerInnen waren 9% der Befragten (ebd., S. 126).

"Ich habe meine Familie" (und brauche also keine anderen Kontakte) war ein Satz, der mir in der "Aufwärmphase" bei qualitativen Befragungen älterer Menschen zu ihren sozialen Kontakten häufig begegnet ist. Glaubt man den Studien, scheinen engere Beziehungen zu FreundInnen oder Bekannten (nicht nur) im Alter tatsächlich eher die Ausnahme zu sein. Aber auch die Beziehungen zur Verwandtschaft nehmen, zumindest was die Häufigkeit der Begegnungen angeht, einen doch recht geringen Stellenwert ein. Die quantitativ noch bedeutsamsten Kontakte waren in den Studien Kontakte zu eigenen Kindern.

Aber hat das alles überhaupt etwas mit Einsamkeit zu tun? Schauen wir uns noch zwei Studien an, in denen direkt nach "Einsamkeitsgefühlen" gefragt wurde.

In einer Studie zur Situation älterer Menschen aus der Altersgruppe 60 bis 75 in Wien gaben 19% der Befragten an, sich einsam zu fühlen (Rosenmayr / Kolland, 2002). 

Auch hier finden sich in älteren Studien bereits ähnliche Ergebnisse: Nach einer Befragung zur Lebenssituation 'älterer' Menschen in Baden-Württemberg fühlten sich 6% der 'älteren' Menschen 'häufig einsam', 'gelegentlich einsam' fühlten sich 28% (Die Lebenssituation..., 1983, 63; weitere ähnliche Zahlen bei Künzel-Schön, S. 92).

'Gelegentlich einsam' - das klingt harmlos und wäre es vielleicht auch, wenn Einsamkeitsgefühle aus unbekannten Gründen kommen und genauso wieder weggehen. Ich habe in den 90er Jahren und aktuell in Vorbereitung zu diesem Themenschwerpunkt qualitative Befragungen und Gruppendiskussionen zu "Einsamkeit" mit älteren Menschen durchgeführt. Dabei hat sich gezeigt, dass im Zusammenhang mit Einsamkeitsgefühlen oft eine negative Bilanz der sozialen Einbindung und der Qualität von bestehenden Kontakten steht. Die Ergebnisse dieser Analyse können für eine Person gültig bleiben, auch wenn die Analyse der eigenen Kontaktsituation nur selten durchgeführt oder ins Bewußtsein gerufen wird.


Negatives Altersbild?

Wie nun aber sind die angeführten Zahlen zur sozialen Integration älterer Menschen zu bewerten? Die Interpretation in der Fachliteratur fällt oft überraschend aus: In aller Regel wird erleichtert Entwarnung gegeben. Ältere Menschen, so eine häufig anzutreffende Bewertung, seien den Daten zufolge im allgemeinen gut integriert. Diese Interpretation liegt auch nahe, sobald die "objektiven Daten" den vermeintlich sehr negativen und falschen Vorstellungen der Öffentlichkeit gegenübergestellt werden:

"Es gilt mittlerweile als Grundüberzeugung, daß das Alter bei den meisten Menschen mit sozialer Isolierung und Einsamkeit einhergeht." (Geuß, 1990, S. 27)

Über Veränderungen der sozialen Eingebundenheit Älterer gibt es landläufige Meinungen, etwa derart, daß ältere Menschen weniger Kontakte haben als jüngere.... Oft wird von Hochbetagten vermutet, sie seien einsam. Welche Veränderungen und Einschränkungen lassen sich nun tatsächlich in sozialen Beziehungen mit zunehmendem Alter feststellen?" (Künzel-Schön, 2000, S. 83).

Die Kontrastbildung von "wissenschaftlicher Erkenntnis" und falscher landläufiger Meinung ist ein rhetorisches Muster, das bei der Heranziehung wissenschaftlicher Ergebnisse oft anzutreffen ist. Die Frage, ob Vorstellungen vom Leben im Alter bei wissenschaftlichen Laien wirklich so negativ und falsch sind, soll hier außer Acht gelassen werden (siehe dazu Carls, 2007 und Carls, 1996). Interessanter in unserem Zusammenhang ist die in der Fachliteratur offenkundige Versuchung, die vorhandenen Daten zur sozialen Integration möglichst positiv zu deuten, um dem angeblich "negativen Altersbild in der Gesellschaft" entgegenzuwirken. Diese Versuchung wird noch durch die verbreitete Annahme vergrößert, dass das negative Altersbild durch den vermuteten Mechanismus einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung am Ende noch dazu führt, dass ältere Menschen tatsächlich einsam werden. In der Fachliteratur wird hier von "Internalisierung des Heterostereotyps in ein Autostereotyp" gesprochen, oder, anders ausgedrückt: "Das Selbstbild und die Realitätsorientierung des älteren Menschen werden von solchen Stereotypisierungen affiziert und bestimmen dann sein reales Verhalten." (Lehr, 1987, 253)

Der "Kampf gegen das negative Altersbild in der Gesellschaft" hat die Literatur zur Seniorenarbeit seit Mitte der 70er Jahre stark beeinflusst (Carls, 1996, 2007). Die Bedeutung, die diesem Kampf gegeben wurde, hat die Thematisierung von Vereinsamung im Alter als großes gesellschaftliches Problem mit Sicherheit erschwert. Zwar findet sich in der Praxis der Seniorenarbeit seit den 60er Jahren immer wieder das formulierte Ziel, "einer Vereinsamung im Alter" entgegenzuwirken. Aber eine solche Zielbeschreibung fand sich immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, dem "negativen Altersbild" bzw. dem "Defizitmodell des Alters" Vorschub zu leisten (Carls, 1996, 57ff). Eine konsequente Konzeptentwicklung und Evaluation zu der Zielsetzung, Einsamkeit zu verhindern, war so in der Praxis kaum möglich. Und das Ziel selbst wurde von anderen Leitbildern zum Teil sogar verdrängt:

"...es muß nachhaltig irritieren, wenn (fach-)öffentlich zusehends die thematischen Akzente auf Begriffe wie Kompetenz, Altersstrukturwandel, Differenzierung des Alters oder das 'brachliegende Alterskapital' gelegt werden, parallel aber die angesprochenen Dienste der offenen Altenhilfe ungebrochen davon ausgehen, daß Ältere der Hilfestellung durch die Gemeinschaft und der Anregung via altersspezifisch ausgerichteter Angebote bedürfen, um ihr weiteres Leben sinnerfüllt und in kommunikativem Rahmen verbringen zu können. [...] Weder bedarf das Alter heute im allgemeinen der Integrations- und Gestaltungshilfen noch ist im allgemeinen ein Vergesellschaftungsdefizit im Westen der Republik zu unterstellen [...]" (Ev. Impulse, 1/1992, S. 6; das Zitat spiegelt die gängigsten Leitbilder zur offenen Seniorenarbeit, die seit den 80er Jahren bis heute die Fachliteratur zur Seniorenarbeit dominieren. Zur Kritik an diesen Leitbildern siehe Carls, 2008).


Einsamkeit: rein subjektiv?

"Zunächst einmal ist, wie es auch Tunstall (1966) gefordert hat, zwischen 'Isolation' und 'Einsamkeit' streng zu unterscheiden." (Lehr, 1987, 245)

"Wie immer in einer Altenhilfe, die ernsthaft auf den einzelnen Menschen eingehen soll, muß man differenzieren. Zunächst: Isolierung wäre ein objektiver Sachverhalt. [...] Solches Isoliertwerden ist die Ausnahme in unserer Zeit und in unserer Gesellschaft; das ist dankbar festzustellen." (Empfehlungen zur Altenhilfe, 1987, 79)

"Unterschieden werden muß vor allem zwischen den beiden Begriffen 'Isolation' und 'Einsamkeit'." (Staiger, 1988, 51)

In der Fachliteratur wird immer wieder auf die Bedeutung einer begrifflichen Differenzierung verwiesen, die sich von unserer Alltagssprache durch ihre Trennschärfe abhebt.

Um was geht es? "Isolation" bezieht sich nach diesem Verständnis auf das "objektive" Maß an sozialen Kontakten, über die ein Mensch verfügt. Als isoliert gilt dann zum Beispiel eine Person, die maximal einmal im Monat mit einem anderen Menschen verabredet ist (Künzel-Schön, 2000, S. 91). "Einsamkeit" dagegen gilt als innere Befindlichkeit oder als Gefühl, das jedem von uns allein durch Innenschau zugänglich ist. Wir haben es also mit zwei ganz unterschiedlichen Dingen zu tun: mit der "objektiven" Kontaktsituation, die in wissenschaftlichen Studien gemessen wird und mit einem privaten, verborgenen Gefühl, das mit "objektiven" Sachverhalten wenig oder gar nichts zu tun hat. Dazu paßt, dass der Zusammenhang zwischen erhobenem Isolationsmaß und erfragter Einsamkeit in repräsentativen Studien meist ausgesprochen schwach ist, soweit sich in Studien dazu überhaupt eine signifikante statistische Korrelation ergibt. Man muss sich beim unbefangenen Gebrauch des Begriffs "Isolation" (den es ja auch gibt) immer wieder daran erinnern, dass er in vielen wissenschaftlichen Arbeiten faktisch nur als operationeller Begriff gültig ist: "Isolation" ist das, was in einer Studie als Isolation gemessen wird.

Die beschriebene "begriffliche Differenzierung" von Einsamkeit und Isolation erscheint zunächst vielleicht "akademisch" und uninteressant. Sie hat aber wichtige praktische Folgen. Wenn nämlich "Einsamkeitsgefühle" so wenig mit objektiven Umständen zu tun haben, liegt die Schlussfolgerung auf der Hand: Änderungen an den Einsamkeitsgefühlen kann nur von den Gefühlsinhabern selbst erreicht werden. Einsamkeitsgefühle sind vielleicht schlimm – aber machen läßt sich da von außen wenig. Die Trennung von "objektiver" Situation und "Einsamkeitsgefühlen" führt so fast zwangsläufig zu einer Pathologisierung von Einsamkeit, die weiter unten näher betrachtet wird: Einsamkeit als Krankheit, Ursache ungeklärt, unzugänglich für Gesellschaftspolitik und soziale Arbeit. Wo aber Isolation für sich nicht als Problem gilt (denn vielleicht sind die Menschen ja auch isoliert zufrieden) und "Einsamkeitsgefühle" privat und mysteriös bleiben, bleibt vielleicht noch ein Problem, an dem sich Therapeuten versuchen können. Ein Problem für Gesellschaftspolitik und soziale Arbeit ist Einsamkeit dann nicht. Und wer in die Fachliteratur schaut wird feststellen, dass tatsächlich die meisten vorgeschlagenen "Interventionen" gegen Einsamkeit sich an die Einsamen selbst richten (z.B. der Vorschlag, eigene Wünsche und Erwartungen zu ändern).

Wegen dieser praktischen Folgen erscheint es mir wichtig, in der Seniorenarbeit über die Begriffe von Einsamkeit und Isolation neu zu diskutieren. Es kann bestimmt sinnvoll sein, die Begriffe zu unterscheiden und, da wir sie nun mal haben, für ein genaueres Verständnis der komplexen Bedürfnisse nach sozialer Einbindung zu nutzen. Aber führt die klassische Art der Trennung von Einsamkeit (mysteriöses Gefühl) und Isolation (objektiver Befund) wirklich weiter?

Drei Einwände:

1. Bei der wissenschaftlichen "Messung" von Isolation wird häufig nicht mehr gezählt als die "Kontakthäufigkeit alter Menschen mit bestimmten Personengruppen (z.B. Kinder, Verwandte allgemein, Freunde, Nachbarn) innerhalb eines bestimmten Zeitraums" (Geuß, 1990, 32). Qualitative Aspekte der Kontakte bleiben meist ganz oder weitgehend unberücksichtigt. Auch bei der "Messung" "emotionaler Isolation" geht es in der Befragungspraxis oft um kaum mehr als um das Zählen von "Vertrauenspersonen", manchmal aber auch um etwas differenziertere Aspekte wie die Möglichkeit, sich von anderen Geld zu leihen oder Arbeit abnehmen zu lassen (z.B. Winter von Lersner, 2006, 44ff). Viel mehr an qualitativen Aspekten von Beziehungen läßt sich in standardisierten Befragungen nur mit großen methodischen Problemen erheben und quantifizieren. Bei der Erfassung qualitativer Aspekte stoßen die sogenannten "Meßinstrumente" wie Fragebögen bald an ihre Grenzen. Bei der "Messung" von "sozialer" oder "emotionaler" Isolation bleibt es am Ende notgedrungen bei einer sehr oberflächlichen Betrachtung der "Kontaktsituation" von Menschen. Dass diese wenig oder nichts mit "Einsamkeitsgefühlen" und den dahinter stehenden viel detaillierteren Betrachtungen der Betroffenen selbst zu tun hat, kann eigentlich nicht überraschen.

2. Äußerungen von Befragten zur Einsamkeit bedeuten oft weit mehr als die Aus­kunft über ein per Innenschau erfaßtes Gefühl, dessen Da- und Sosein nicht weiter hinterfragt werden könnte. Auf Nachfrage können die meisten Menschen sehr genau beschreiben, was sie damit meinen, wenn sie von "Einsamkeitsgefühlen" sprechen. Dies jedenfalls ist meine Erfahrung aus vielen Gesprächen mit älteren Menschen. Im Hintergrund von "Einsamkeitsgefühlen" stehen oft sehr detaillierte Analysen der eigenen Kontaktsituation und der Qualität der Kontakte. Menschen, die sich einsam "fühlen", können oft genau sagen, was sie vermissen und wie ein "Wunder" aussehen müßte, das die Einsamkeitsgefühle verschwinden ließe. Als Beispiel Frau M., die sich an Sonntagen oft einsam fühlt: "Sonntag Nachmittag kamen immer meine Freundinnen zum Kartenspielen, das fehlt mir, die Gespräche, die gemeinsame Freude beim Spielen, die Tricks der anderen, die ich alle kannte". Begegnet man solchen Äußerungen mit Interesse und Empathie, lassen sich leicht noch genauere Beschreibungen gewinnen, welche Bedürfnisse an Kontakt und Verbindung unerfüllt bleiben, bei welchen Anlässen dies präsent wird und wie dies schließlich in "Einsamkeitsgefühlen" kulminiert.

3. Es stellt sich die logische Frage nach dem Sinn eines Begriffes von 'Einsamkeit', wenn dieser ausschließlich für einen inneren Zustand stehen soll, der in nur losem, nicht weiter benennbarem Zusammenhang zur objektiven Situation eines Menschen steht. Wieso sollte sich irgendwer für einen Zustand interessieren, zu dem grundsätzlich nur der Befragte selbst Zugang hat? Wenn also für immer unüberprüfbar ist, ob das, was ein Befragter mit 'Einsamkeit' bezeichnet, etwas mit dem zu tun hat, was ein anderer darunter versteht? Welchen Sinn macht ein Wort, wenn das, was ein Mensch mit 'Einsamkeit' bezeichnet, sich jeder intersubjektiven Verständigung verschließt? Wir hätten es mit einer Privatsprache zu tun, die mit niemand anderem geteilt wird und die so, da für andere grundsätzlich unverständlich, sinnlos bliebe. Ludwig Wittgenstein beschreibt das Problem so: "Angenommen, es hätte jeder eine Schachtel, darin wäre etwas, was wir 'Käfer' nennen. Niemand kann je in die Schachtel des Anderen schauen, und jeder sagt, er wisse nur vom Anblick seines Käfers, was ein Käfer ist. [...] Das Ding in der Schachtel gehört überhaupt nicht zum Sprachspiel, auch nicht einmal als ein Etwas, denn die Schachtel könnte auch leer sein." (Wittgenstein, 1984, 373). Angeblich nur introspektiv erfassbare "Einsamkeitsgefühle" sind Wittgensteins Käfer, die für die sprachliche Verständigung uninteressant bleiben. Interessant sind aber die intersubjektiven Kontexte, über die der Begriff entstanden ist und immer wieder neu Bedeutung gewinnt. Das sind zum Beispiel Beschreibungen der Gedanken, die im Zusammenhang mit dem "Gefühl der Einsamkeit" stehen. Meine Erfahrung mit Gruppendiskussionen zu Einsamkeit ist, dass das Wort viele Bedeutungen haben kann – über die sich im konkreten Fall aber sehr weitreichende Verständigung erzielen läßt, wenn man sich dafür interessiert.


Einsam vor dem Fernseher?

Wie unzulänglich das Zählen von Kontakten für eine Einschätzung von "Einsamkeit" und "sozialer Einbindung" ist, lässt sich an einer Darstellung des Medienkonsums älterer Menschen zeigen. Zugleich ergeben sich aus dem Medienkonsum weitere Hinweise auf Ausdrucks- und Bewältigungsformen von Einsamkeit.

Medien sind technische Mittel, mit deren Hilfe Kommunikation über räumliche und zeitliche Distanz möglich ist. Medien sind dabei mehr als einfache Instrumente zur Erleichterung von Kommunikation. Medien erweitern unsere Möglichkeiten zu kommunizieren und sie schränken sie gleichzeitig auch ein. Dabei werden nicht nur Unterschiede in der Technik wirksam, sondern immer auch eine Kommunikationskultur, die sich mit dem Gebrauch eines jeden Mediums spezifisch verbindet.

Fernsehen ist für viele ältere Menschen das mit Abstand wichtigste Medium. Die "Verweildauer" vor dem Fernseher liegt bei Menschen ab 65 nach Daten der GFK im Durchschnitt bei 335 Minuten, also bei gut fünfeinhalb Stunden (Gerhards/Klingler, 2005, 559; Daten für 2004). Davon zu unterscheiden ist die "Sehdauer", die statistische Durchschnittsrechnungen mit anderen Personen im gleichen Haushalt einschließt (289 Minuten für 2004). Zu berücksichtigen ist, dass die Fernsehnutzung in verschiedenen Gruppen und Milieus sehr unterschiedlich ausfällt (z.B. nach der Differenzierung der sog. "Sinus-Milieus, s. Blödorn/Gerhards, 2004; Adolf Grimme Institut, 2007, 18 f.). Das heißt: Gruppen älterer Menschen nutzen das Fernsehen weniger oder auch gar nicht, andere sitzen dafür deutlich mehr als fünf Stunden täglich vor dem TV. Hinzu kommen 170 bis 180 Minuten Radionutzung am Tag. Hier ist aber - mehr noch als beim Fernsehen - von einer in Teilen beiläufigen Nutzung auszugehen, die sich mit anderen Aktivitäten (z.B. Hausarbeit) verbindet. Hinzu kommt noch die Nutzung weiterer Medien, insbesondere das Lesen von Zeitungen und Zeitschriften.

Welche Kommunikationsmöglichkeiten sind mit diesen Medien verbunden? In der Literatur fand sich häufig, insbesondere in Hinblick auf das Fernsehen, der Begriff "Einweg-Kommunikation". In der neueren Literatur wird dies anders gesehen. Streng genommen gibt es eine Einweg-Kommunikation natürlich nicht. Die Hörer und Zuschauer gehen auf irgendeine Weise eine Verbindung mit dem Geschehen und beteiligten Personen in den Medien ein und werden auch aktiv, und sei es durch Umschalten, Hinhören und Weghören, den Kauf eines beworbenen Produktes, dem Schreiben eines Leserbriefes oder die Wahl einer Partei. Trotzdem sind beim Radio und Fernsehen die kommunikativen Möglichkeiten sehr ungleich verteilt. So kann, wenn auch nicht von "Berieselung", sicher doch von einer eingeschränkten und zurückgelehnten ("lean back") Kommunikation gesprochen werden, in der die menschlichen Möglichkeiten an Austausch, Kontakt und Verbindung mit anderen nicht umfassend entfaltet werden.

 

Selber schuld?

"'Einsamkeit ist hausgemacht', sagt der Leiter der Fachstelle für Seniorenarbeit und verweist auf die vielen Veranstaltungen, die seine Stelle anbietet. 'Wenn jemand Energie aufbringt, braucht er nicht einsam zu sein.'" (Aus einer Seniorenzeitung, 2003)

"Die, die kommen, haben ihre Kontakte. Das Problem sind ja die anderen, die nicht kommen. Aber wie man die erreicht...?" (Leiterin einer Begegnungsstätte)

Die Zitate spiegeln eine nach meiner Erfahrung in der Seniorenarbeit verbreitete Denkweise wieder. Kein Wunder: Begegnungsräume zu schaffen und Kontakt zu ermöglichen gehört schließlich zum Auftrag oder Selbstverständnis vieler Haupt- und Ehrenamtlicher.

Dazu zwei Fragen:

1)  Bieten die Veranstaltungen in der Seniorenarbeit wirklich immer die Möglichkeit zu Kontakt und zu der Qualität an Verbindung, die Menschen zur Überwindung von Einsamkeit suchen und brauchen? Jedenfalls darf man nicht davon ausgehen, dass die bloße gemeinsame Versammlung von Menschen in einem Raum Kontakt ermöglicht. Ältere Menschen berichten mir immer wieder, dass sie in Gruppen und Veranstaltungen der Seniorenarbeit niemanden näher kennengelernt haben, auch wenn der Wunsch danach bestand. Häufig sind gerade die Gruppen, die offensiv um neue Teilnehmende geworben hatten ("Wir sind für alle offen") gar nicht auf die Aufnahme "Neuer" eingestellt. Natürlich besteht in der Gegenwart anderer Menschen immer die theoretische Möglichkeit, Kontakt aufzunehmen. Bei gestalteten "Begegnungsangeboten" könnte aber erwartet werden, dass ein Kennenlernen anderer Menschen mindestens einfacher gemacht wird als das Ansprechen Fremder auf der Straße, bei Tschibo oder im Karstadt-Café.

2) Dürfen wir wirklich davon ausgehen, dass die, "die, die kommen" und bleiben, nicht oder nicht mehr von Einsamkeit betroffen sind? Bietet die noch so aktive Teilnahme an unseren und anderen Veranstaltungen in der Seniorenarbeit wirklich die Qualität an Kontakt, um "Einsamkeit" auszuschließen? Bei der Befragung von Gruppen in Seniorennetzwerken, Begegnungsstätten und Seniorentreffs habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Teilnahme an Aktivitäten nicht davor schützt, sich "am Abend" oder "am Wochenende" einsam zu fühlen. Welche Arten von Kontakten entstehen in Gruppen und Begegnungsstätten, wenn diese nicht in einsamen Stunden am Abend und am Wochenende wirksam werden?

Eine in der Praxis verbreitete Annahme ist, dass Kontakte zwischen Menschen "sich von selbst ergeben müssen". Aber das reicht nicht aus, wie an einem  fiktiven, überzeichneten Beispiel gezeigt werden kann:

Als Teilnehmer in einem Seniorentreff habe ich begrenzte Möglichkeiten, mit anderen Teilnehmenden in lockeren Kontakt zu kommen. Wir sitzen an einer langen Tischreihe, links von mir eine Frau, die auf dem rechten Ohr schlecht hört. Ich beschließe, einen Teilnehmer anzusprechen, der nicht an meiner Ecke des langen Tisches sitzt, weil er sympathisch aussieht oder einer der wenigen anderen Männer ist. Ich könnte ihn nach Abschluss der Veranstaltung abfangen und ihm eine Verabredung am Wochenende vorschlagen. Aber wäre das wirklich gut? Was ist, wenn er nur zusagt, um mir nicht vor den Kopf zu stoßen? Was ist, wenn ich mich mit dem anderen gar nicht verstehe? Wie schaffen wir es, ohne Verletzungen, den Kontakt wieder abzubrechen? In diesem Beispiel wahrscheinlich gar nicht.

Wenn ich viel Aufwand für eine Kontaktaufnahme betreiben muss - zum Beispiel eine Verabredung mit einer Person, von der ich erst wenig weiß - entsteht Verpflichtung in großen Sprüngen. Sind beim Aufeinander-Zugehen große Schritte erforderlich, wird Kontakt verhindert. Es gibt "Mutige", aber sind die Sprünge beim Kennenlernen zu groß, endet die Kontaktaufnahme selten gut. Für sehr einsame Menschen funktioniert Kennenlernen oft nur in besonders kleinen Etappen. Sie messen neuen Kontakten oft besonders hohe Bedeutung bei und fürchten entsprechend mehr, in einer Phase des Kontakts zurückgewiesen zu werden oder andere zurückzuweisen (Carls, 1994, 1997).

Aber auch dort, wo in Gruppen und Veranstaltungen das Knüpfen von Kontakten leichter ist, werden Mechanismen wirksam, die über die Art der Kontakte und die Qualität des Austauschs zumindest mit entscheiden. Ein Beispiel ist, wenn in Veranstaltungen das "Erzählen" als Störung betrachtet wird, weil ein "Thema" Vorrang hat. Dabei ist das Erzählen die einfachste und intimste Form der Selbstmitteilung (Völzke, 2006). Ein anderes Beispiel sind Gruppen, in deren Kultur ein gemeinsames Gespräch – eine Teilnehmerin ergreift das Wort, alle anderen hören zu – erst gar nicht vorgesehen ist. In einer solchen "Gruppe" hat kein Teilnehmer die Möglichkeit, etwas von sich mitzuteilen und ein Gefühl des "Angenommenseins" zu erleben. In einer solchen "Gruppe" werden auch keine persönlichen Kontakte zwischen Teilnehmenden zustande kommen, ausser bei jenen, die sich bereits kennen oder zufällig nebeneinander sitzen und auf diese Weise Gelegenheiten zu lockerer Kontaktaufnahme haben oder mit "Flüstern" erkämpfen. Letzteres ist aber eher selten, da ein gängiger und vernünftiger Zugang zu Gruppen das "gemeinsam hingehen" oder "mitgenommen werden" ist, verbunden mit dem "nebeneinander sitzen".

Wir brauchen also mehr Nachdenken über Methoden, mit denen bei Veranstaltungen und in Gruppen das Anknüpfen und die Vertiefung von persönlichen Kontakten ermöglicht und wirksam unterstützt werden kann. Oft sind es einfache Maßnahmen, die persönliches Kennenlernen und guten Kontakt erleichtern. Dazu zählen alle inszenierten Gelegenheiten beiläufiger Kontaktaufnahme, und sei es nur der Kaffee am Büffet anstelle eines Ausschanks am Tisch (weitere Beispiele bei Carls, 2006). Von einer zugewandten, warmherzigen Atmosphäre, wo die Möglichkeit zum Teilen persönlicher Erfahrungen, Ideen oder Sorgen mit vielen Menschen gegeben ist, profitieren nicht nur "die Einsamen". Die Möglichkeit, sein persönliches Netzwerk zu erweitern, sich mitzuteilen, Kontakt leicht aufzubauen und verletzungsfrei abbrechen zu können bereichert auch jene, die sehr aktiv und, vielleicht, nicht so einsam sind wie andere.


Einsamkeit eine Persönlichkeitseigenschaft?

In der Fachliteratur zu Gerontologie und Altenarbeit findet sich oft die Vorstellung einer biographischen Kontinuität von "Isolation" und "Einsamkeit", nach dem Motto: "Wer in jungen Jahren einsam war, wird es auch im Alter sein". Ist "Einsamkeit" biographisch determiniert oder ein Persönlichkeitsmerkmal? Überzeugende Belege für diese These habe ich nicht gefunden. Ich glaube daran nicht. Ich habe in den 90er Jahren zahlreiche ältere Menschen und Seniorengruppen zu Kontakten und Kontaktbiographien befragt und aktuell in Vorbereitung zu dem Themenschwerpunkt "Einsamkeit" im Forum Seniorenarbeit weitere Befragungen durchgeführt. Repräsentativ sind die Daten nicht, aber eines ist bei den Gesprächen immer wieder aufgefallen: Viele Menschen erleben unterschiedliche Konstellationen an sozialer Einbindung im Lebensverlauf, die schon bei oberflächlicher Betrachtung stark mit äußeren Bedingungen zusammenhängen (familiäre Situation, Partnerschaften, Beruf, Wohnsituation usw.).

Das Bild von "Kontaktfreudigkeit als Persönlichkeitsmerkmal" war mir auch in den von mir durchgeführten Befragungen und Gruppendiskussionen zu "Einsamkeit" immer wieder begegnet. Eine interessante Beobachtung konnte ich Anfang der 90er Jahre bei der Befragung von Bewohnerinnen und Bewohnern eines Altenheimes machen, das noch relativ neu war. Dabei traf ich zwei Gruppen älterer Frauen an: jene, die von sich sagten, sie seien sehr kontaktfreudig bzw. "schon immer sehr kontaktfreudig" gewesen. Das waren die Frauen, die in dem Heim Bekannte und Freundinnen hatten und unter Einsamkeit weniger litten. Die zweite Gruppe waren Bewohnerinnen, die von sich selbst sagten, sie seien "schon immer mehr für sich" gewesen. Das waren auch jene, die im Heim wenig Kontakt mit anderen hatten.

Dabei stellte sich zweierlei raus:

1)    Die "kontaktfreudigen" Frauen waren zugleich jene, die mit der Eröffnung des Altenheimes eingezogen waren – gemeinsam und gleichzeitig mit vielen anderen, also einer für das Finden neuer Kontakte günstigen Konstellation. Die Frauen, die angeblich schon immer mehr für sich waren, waren zugleich jene, die später und einzeln in das Heim einzogen, wo sie feste Tisch- und Freundschaftskonstellationen vorfanden und die es naheliegenderweise durch die äußeren Umstände sehr viel schwerer hatten, Freundschaften zu finden.

2)    Bei den Gesprächen habe ich weiter nachgefragt, ob sich die Befragten an Situationen und Phasen in ihrem Leben erinnern können, in denen sie mehr und besseren Kontakt zu anderen Menschen hatten. Bei den meisten Frauen, den "kontaktfreudigen" und den zurückgezogenen gleichermaßen, fanden sich Beispiele für gesellige, eingebundene und angenehme Lebensphasen und für einsame Situationen oder Phasen mit viel Einsamkeit.

Meine Vermutung ist, dass Menschen bei der Bewertung ihrer sozialen Einbindung dazu tendieren, den "Jetzt-Zustand", wie sie ihn wahrnehmen und beurteilen, in ein Selbstbild zu übersetzen und ein stabiles Persönlichkeitsmerkmal daraus zu konstruieren. Diese These habe ich bei späteren Befragungen wiederholt eingebracht bzw. nach unterschiedlichen Selbstbildern in Hinblick auf Kontakt und Kontaktwünsche im Lebensverlauf gefragt und viele Beispiele für den Wandel solcher Selbstbilder gefunden. Möglicherweise handelt es sich dabei um einen gesunden psychischen Prozess der Anpassung an zum Teil vorgefundene, nicht gemachte und vielleicht auch zunächst nicht gewollte Lebensumstände. Die vehementesten Vertreter der Formel "Wer in jungen Jahren einsam war, wird es auch im Alter sein" waren jene, die diese Formel für sich umdrehten und weiter zu diskutieren manchmal nicht bereit waren. Die autosuggestive Formel lautet dann überzeichnet so: "Gute Integration ist meine Persönlichkeitseigenschaft. Diese und das mit ihrer Hilfe angehäufte 'Sozialkapital' werde ich immer behalten. Mich wird Einsamkeit also niemals betreffen".


Fazit

Eine Gesellschaft ohne Einsamkeit ist vielleicht unerreichbar. Es gibt aber eine gesellschaftliche Verantwortung, Vereinsamung zu verhindern – und zahlreiche Möglichkeiten. Viele davon werden nicht genutzt, weil Vereinsamung nicht als gesellschaftliches Problem wahrgenommen wird, weil einsame Menschen nicht in Erscheinung treten und nichts fordern und weil Ressourcen woanders hingehen.

Erforderlich ist eine befreite Debatte um Hintergründe und Erscheinungsformen von Einsamkeit, die sich nicht in vertrauten begrifflichen Sackgassen verrennt und sich nicht vorauseilend in den Kampf gegen das angeblich negative Altersbild in der Gesellschaft verstricken läßt (Carls, 1996, 2007).

Die im Beitrag sporadisch genannten Gestaltungsmöglichkeiten für soziale Einbindung und erleichterte Kommunikation sind willkürliche Beispiele aus den komplexen Rahmenbedingungen, die Kommunikationschancen und Kommunikationsverhalten von Menschen in unserer modernen Gesellschaft prägen.

Weitere Beispiele sind:

  • Infrastrukturentwicklung im Wohnquartier in allen Aspekten, aber insbesondere: offene Treffpunkte, die fußläufig zu erreichen sind,  Gemeinschaftsräume in Wohnblocks, die allen Bewohnern zur Verfügung stehen, attraktive öffentliche Treffpunkte im Freien und begleitende Maßnahmen, um Treffen zu initiieren und eine neue Kultur nachbarschaftlicher Begegnung in Gang zu setzen.
  • Verkehrsentwicklung: Nach einer Mannheimer Studie aus dem Jahr 2000 gaben 36% der Befragten über 54 Jahren an, wichtige Einrichtungen aus "allgemeinen gesundheitlichen Gründen" nicht erreichen zu können (Mollenkopf, 2004). Mobilität erweitert die Möglichkeiten zur Kommunikation mit anderen, Mobilitätshürden schränken die Möglichkeiten ein.
  • Sicherheit: Eine wichtige Mobilitätseinschränkung für ältere Menschen sind "Angst-Räume", die, besonders am Abend, gemieden werden. Alles, was zu mehr realer Sicherheit und zu größerem Sicherheitsgefühl beiträgt, erhöht auch die Möglichkeiten zum rausgehen und zum Zusammenkommen mit anderen Menschen.

Immer sollte nach Möglichkeiten gesucht werden, von Einsamkeit betroffene Menschen partizipativ einzubeziehen. Dies kann durch gute Befragungen nach dem Konzept des Community Organizing und bei Gruppendiskussionen geschehen. Ein rein standardisiertes Abfragen, was Menschen wollen, darf nicht der Maßstab für sozialpolitisches Handeln sein. Ich habe einen Nachbarschaftstreffpunkt in Bremen kennengelernt, dessen Gründung eine "Bedarfserhebung" vorangegangen war. Das Ergebnis: fast kein (älterer) Mensch im Wohnumfeld wollte so einen Treffpunkt. Nur wegen der Forderungen alleinerziehender Mütter wurde der Treffpunkt schließlich doch errichtet. Bei meinem Besuch wurde er so intensiv genutzt, dass es bereits zu Streitigkeiten zwischen Seniorinnen und alleinerziehenden Müttern um die Nutzungszeiten kam. Eine spätere Befragung zeigte, dass über 50% der älteren Menschen in den angrenzenden Wohnblocks den Nachbarschaftstreff besuchten.

Meine Überzeugung ist, dass die Vereinsamung vieler Menschen sich leicht verhindern läßt, wenn Einsamkeit wieder mehr als gesellschaftliches Problem erkannt wird und auf den verschiedenen Ebenen von Politik und sozialer Arbeit Beachtung findet. Wie wäre die Einführung von Inklusionsbeauftragen auf kommunaler Ebene, die Fragen sozialer Einbindung auf allen Handlungsebenen aufwerfen? Davon profitieren würden nicht nur "die Einsamen".


Literatur

Adolf Grimme Institut (Hg.) (2007): Ein Blick in die Zukunft:  Demografischer Wandel  und Fernsehnutzung.     

Beeinträchtigung im Alter: Ergebnisse einer Felduntersuchung. Zeitschrift für Gerontologie, 16, 107-114.

Berliner Altersstudie: Zuhause lebende und in Institutionen lebende Berliner Wohnbevölkerung (1990/93)

Blödorn, Sascha / Maria Gerhards (2004): Informationsverhalten der Deutschen. Media Perspektiven 1/2004, 2 - 14.

Carls, C. (1996). Das 'neue Altersbild'. Buchauszüge online

Carls, Christian (1994): Altenhilfe als Begegnungsraum: passé? Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit, 2/94, 73- 79. Online verfügbar

Carls, Christian (1997): Standortfindung offener / diakonischer Altenarbeit im neuen Sozialmarkt. Evangelische Impulse, 1/97, 21-24. Online verfügbar

Carls, Christian (2006): Netzwerk-sensible Seniorenarbeit. Online verfügbar

Carls, Christian (2007): Wann sind wir alt? Paradoxe des Altersbegriffs, Grenzen der klassischen Altersbildforschung und Perspektiven für eine neue Debatte um Altersbilder. Online verfügbar

Carls, Christian (2008): Kompetenz oder Defizit? Leitbildjargon in der Seniorenarbeit. Sozial Extra 5-6/2008, 12 - 14.

Die Lebenssituation älterer Menschen (1983): Ergebnisse einer Repräsentativerhebung in Baden-Württemberg. Herausgegeben vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Sozialordnung Baden-Württemberg.

Empfehlungen zur Altenhilfe (1987): zugleich ein Beitrag zur Sozialplanung der Landkreise. Hg. vom Landkreistag Baden-Württemberg. 2., überarbeitete Aufl.

Forschungsgruppe Gerontologie an der Rheinischen Landesklinik Köln (1979): Die gesundheitliche und soziale Situation älterer Menschen in der Großstadt. Autoren: M.Bergener u.a; Schriftenreihe des Bundesministers für Jugend, Familie und Gesundheit, Bd. 74.

Gerhards, Maria  / Walter Klingler (2006): Mediennutzung in der Zukunft. Media Perspektiven 2/2006, S. 75-90

Gerhards, Maria / Walter Klingler (2005): Programmangebote und Spartennutzung im Fernsehen. Media Perspektiven, 11/2005, 558 - 569.

Geuß, Herbert (1990): Einsamkeit und soziale Isolierung bei alten Menschen. In: Lehrbuch der psychologischen und sozialen Alternswissenschaft. Bd. 2: Psychosoziale Probleme älterer Menschen. 27-35.

Hartmann, Claudia (2006) Fortbildung für haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Begleitung von demenzerkrankten Menschen in der letzten Lebensphase. Arbeitshilfe für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, Projekt AnSehen. Herausgegeben vom Evangelischen Erwachsenenbildungswerk Nordrhein e.V., Düsseldorf

Hoff, Andreas (2003): Die Entwicklung sozialer Beziehungen in der zweiten Lebenshälfte. Ergebnisse des Alterssurveys 2002. Veränderungen im Längsschnitt über einen Zeitraum von sechs Jahren.

Höpflinger, François (2003): Soziale Beziehungen im Alter.

Künzel-Schön, Marianne (2000): Bewältigungsstrategien älterer Menschen: Grundlagen und Handlungsorientierungen für die ambulante Arbeit.

Lehr, Ursula: Psychologie des Alterns (1987). 6., erweiterte Auflage.

Mitarbeiter zur Begleitung von demenzerkrankten Menschen in ihrer letzten Lebensphase.

Mollenkopf, Heidrun: "Wenn ich draußen bin, geht es mir gut." Befunde zur außerhäuslichen Mobilität älterer Menschen. Beitrag zur Tagung "Wohnumwelt im Alter", Heidelberg, März 2004.

Rosenmayr, L./ Kolland, F. (2002). Altern in der Großstadt - Eine empirische Untersuchung über Einsamkeit, Bewegungsarmut und ungenutzte Kulturchancen in Wien. In: Backes, G.M., Clemens, W. (Hrsg.). Zukunft der Soziologie des Alter(n)s, 251-278.

Scherer, Helmut / Beate Schneider / Nicole Gonser: Am Tage schaue ich nicht fern! Determinanten der Mediennutzung älterer Menschen. Publizistik 3, September 2006, 333-348.

Schützendorf, Erich (2000): Biotope und Schleusen im Meer der Ver-rücktheit.

Sosna, U. & Wahl, H. W. (1983): Soziale Belastung, psychische Erkrankung und körperliche

Staiger, Horst: Möglichkeiten und Probleme der Handlungsorientierung in der Altenarbeit. Regensburg 1988.

Völzke, Reinhard: Erzählen - Brückenschlag zwischen Leben und Lernen. Sozial Extra, November 2005. Online verfügbar

Winter-von Lersner, Christa (2006): soziale Beziehungen im Alter. Eine gerontologisch-epidemiologische Vergleichsstudie an in natürlichen Lebensumwelten und in Heimen lebenden Menschen.

Wittgenstein, Ludwig: Werkausgabe, Bd. 1, Frankfurt a.M. 1984


Kontakt

Christian CarlsChristian Carls
Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe e.V.
Standort Düsseldorf
Lenaustraße 41
D-40470 Düsseldorf
0211-6398284
c.carls@diakonie-rwl.de
www.diakonie-rwl.de 

 

 

 

Forum Seniorenarbeit NRW
Beitrag zum Themenschwerpunkt 'Einsamkeit' vom Oktober 2008.

Zurück Drucken

Autor: Christian Carls