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Netzwerk-sensible Seniorenarbeit

Christian Carls, Diakonisches Werk Rheinland

Grafik netzwerk-sensible Seniorenarbeit

 

1. Einführung

Begegnungsräume zu schaffen und neue Kontakte zu stiften gehört zu den klassischen Zielen in der Seniorenarbeit. Methoden dazu sind aber immer noch rar. In der Praxis heißt es dazu oft: „Kontakte müssen sich von selbst ergeben“. Oder: „Die, die kommen, haben ihre Kontakte. Das Problem sind ja die anderen, die nicht kommen. Aber wie man die erreicht...?“ Voraussetzungen und Maßnahmen zur Ermöglichung von Kontakt werden oft wenig reflektiert. Kein Wunder: Auch in der Fachliteratur zu Geragogik und Altenarbeit ist zu dieser Fragestellung bislang noch wenig zu finden. 

Allerdings: Befragt man haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Seniorenarbeit nach den Zielen ihrer Angebote, wird die Förderung von Kontakt und Kommunikation häufig als zentrales Anliegen benannt (siehe z.B. Carls 1994, 1997, 2005; Literaturangaben unten). Dies sei das, "um was es bei allen Angeboten eigentlich geht".

„Im Alter reißen zwar manche Verbindungen ab, aber der Eintritt in den Ruhestand muß beileibe kein Eintritt in die Vereinsamung sein! Altenarbeit beispielsweise sorgt dafür, dass ältere Bürger am geselligen und kulturellen Leben teilnehmen.“ (Aus einer Broschüre zur Seniorenarbeit, 1981)

„Mit zunehmendem Alter verliert der Mensch häufig eine große Zahl seiner sozialen Kontakte … Der alternde Mensch braucht demzufolge Hilfen, die einer sonst möglichen Isolation und Vereinsamung entgegenwirken. Diese findet er in den Altenbegegnungseinrichtungen. Hier ist die Möglichkeit zu geselligem Beisammensein und zum Gedankenaustausch gegeben.“ (Aus einem „Altenplan“, 1980)

Auf die Frage, wie Angebote aussehen müssen, damit es den Teilnehmenden leichter fällt, mit anderen ins Gespräch zu kommen, finden sich demgegenüber bisweilen überraschend kurze Antworten. "Das liegt an jedem selbst, ob er auf andere zugeht", "Kontakt läßt sich nicht erzwingen". Oder: "Die, die kommen, haben ihre Kontakte. Das Problem sind ja die anderen, die nicht kommen. Aber wie man die erreicht...?"

Wo aber Seniorenarbeit das Ermöglichen von Kontakten als ein zentrales Ziel formuliert, muß sie sich auch Gedanken über Maßnahmen und Methoden machen, mit denen sich dieses Ziel gut erreichen läßt. Wäre nämlich die Aufnahme von Kontakt ausschließlich auf Persönlichkeits-Eigenschaften einzelner zurückzuführen, genügten für soziale Kontakte informelle Begegungsorte oder „ungeplante Begegnungsstätten“, wie sie Manfred Langehennig in seinem Beitrag zu freizeitorientierten Vergemeinschaftungsformen hier im Forum Seniorenarbeit bezeichnet.

Zu Recht verweisen Aktive aus der Seniorenarbeit auf die Ergebnisse ihres Engagements. Im Umfeld von Seniorentreffs, Begegnungsstätten oder „Netzwerken“ entstehen wichtige soziale Kontakte. Gelegenheiten werden zum persönlichen Austausch genutzt, Freundschaften werden geschlossen, Menschen finden sich zu selbstorganisierten Gruppenaktivitäten zusammen. Wo solche Kontakte gelingen, wird verständlicherweise kein Grund gesehen, die Bedingungen für das Gelingen zu hinterfragen.

Trotzdem lohnt es sich, die Voraussetzungen für Kennenlernen und Kontakt unter die Lupe zu nehmen. Sei es, um Angebote zu verbessern oder um auf veränderte Integrationsbedürfnisse der künftigen „Alten“ besser eingehen zu können.

Aspekte sind hier zum Beispiel veränderte Bedingungen für Freundschaften und familiäre Beziehungen sowie die parallel dazu beobachtbare zunehmende Bedeutung loser Bindungen - in einem komplexen Zusammenhang mit vielen anderen gesellschaftlichen Veränderungen. Stichworte sind hier steigende Mobilität, der wachsende Anteil allein lebender Menschen oder der Zunahme der Ehescheidungen (siehe dazu zum Beispiel Daten bei Höpflinger, Literaturhinweis am Ende dieses Beitrags).

In diesem Themenschwerpunkt des Forum Seniorenarbeit finden Sie zahlreiche Praxisbeispiele, die zeigen, mit welchen Ansätzen und Methoden Seniorenarbeit soziale Netze erweitern und unterstützen kann.

 

2. Hürden

"'Einsamkeit ist hausgemacht', sagt der Leiter der Fachstelle für Seniorenarbeit und verweist auf die vielen Veranstaltungen, die seine Stelle anbietet. 'Wenn jemand Energie aufbringt, braucht er nicht einsam zu sein.' " (Aus einer Seniorenzeitung, 2003)

Sicher ist: Man kann nicht davon ausgehen, dass die bloße gemeinsame Anwesenheit in einem Raum Kontakt ermöglicht. Ältere Menschen berichten mir immer wieder, dass sie in Gruppen und Veranstaltungen keine Kontakte knüpfen konnten, auch wenn der Wunsch danach bestand. Hürden waren zu hoch, Anlässe für einen vertiefenden Austausch fehlten. Häufig waren gerade die Gruppen, die offensiv um neue Teilnehmende geworben hatten („Wir sind für alle offen“), gar nicht auf die Aufnahme "Neuer" eingestellt.

 

3. „Netzwerk-sensible Seniorenarbeit

„Was macht uns glücklich? - Was hat die Wissenschaft herausgefunden, was unser Herz mit Freude erfüllt? Mehr, als man sich vorstellen kann – mit sehr überraschenden Ergebnissen. Nehmen Sie zum Beispiel Wohlstand und all die tollen Dinge, die sich mit Geld kaufen lassen. Forschung zeigt, dass höheres Einkommen wenig zur Lebenszufriedenheit beiträgt, sobald die wichtigsten Bedarfe abgedeckt sind. Gute Bildung? Sorry, weder Bildung noch ein hoher IQ ebnen den Weg zum Glück. Jugend? Wieder nichts. Tatsächlich sind ältere Menschen sogar häufiger zufrieden als jüngere. Partnerschaft? Ein gemischtes Bild. ... Freunde? Ein gigantisches 'Ja'." (Time-Magazin, 7. Februar 2005, p. 40f).

In der Seniorenarbeit sind in den vergangenen Jahrzehnten viele neue Integrationsformen entwickelt worden, beispielsweise in den 60er Jahren das Modell der „Altenclubs“ oder in den 90er Jahren die „Netzwerke“ nach dem „Düsseldorfer Modell“. Der schnelle Wandel in den Formen und Bedingungen „sozialer Integration“ stellt weiter hohe Anforderungen an die Veränderungsfähigkeit der Individuen, aber auch an die soziale Arbeit.

Gut gewappnet für diese Modernisierungsanforderungen ist eine Seniorenarbeit, die bei allen ihren Aktivitäten Möglichkeiten zur Unterstützung informeller sozialer Netze im Blick behält und ihre Angebotsformen daraufhin immer wieder neu überprüft.

Fragen, die bei der Vorbereitung von Veranstaltungen, Kursen und anderen Aktivitäten in der Seniorenarbeit immer mitbedacht werden sollten, sind zum Beispiel:

  • Wovon hängt es ab, ob im Umfeld der Seniorenarbeit persönliche und freundschaftliche Kontakte entstehen? Welche Bedingungen tragen dazu bei, dass sich individuelle soziale Netze erweitern?
  • Welche Methoden erleichtern es Ehrenamtlichen in Einrichtungen, Teilnehmenden in Kursen oder Gästen in Seniorentreffs, miteinander ins Gespräch zu kommen und einander näher kennenzulernen?
  • Und schließlich: An welchen Hürden scheitern Kontaktaufnahmen?

Seniorenarbeit, welche die Mechanismen der Kontaktaufnahme und sozialen Vernetzung konsequent berücksichtigt, könnte das Gütesiegel „netzwerk-sensibel“ erhalten. Welche Aspekte für die Entwicklung eines solchen Gütesiegels maßgeblich wären, wird in vielen Beiträgen zu diesem Themenschwerpunkt im Forum Seniorenarbeit deutlich. 

 

4. „Kennenlernen“ und „Kontakt“

Ein genaueres Nachdenken über Bedingungen sozialer Kontakte lohnt sich auf jeden Fall. "Ich möchte neue Menschen kennenlernen" ist ein häufig genanntes Motiv, wenn ältere Menschen gefragt werden, warum sie sich an Freizeit- und Bildungsangeboten beteiligen oder sich ehrenamtlich engagieren. Mehr zur Bedeutung von „Kennenlernen“ und „Kontakt“ für Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Netzwerken oder der offenen Altenarbeit finden Sie u.a. in den Beiträgen von Dietmar Köster und Heike Wagner.

Kontakt beinhaltet dabei nicht notwendig das Eingehen einer persönlichen „Bekanntschaft“ oder „Freundschaft“. Kontakt beruht auf „Präsenz“ und besteht manchmal nur für einen Augenblick. Viele ältere Menschen, mit denen ich mich zu diesem Thema unterhalten habe, betonen den Wert einer freundlichen Atmosphäre in Gruppen und Kursen, wo persönliche Erfahrungen und Ideen ausgetauscht oder Sorgen und Nöte angesprochen werden können. Gemeint ist also ein Rahmen, in dem „Kontakt“ stattfinden kann, der spontanen Austausch ermöglicht und in dem Erfahrungen auch dann erzählt werden können, wenn sie nicht unmittelbar mit dem "Thema" zu tun haben.

Wenn Menschen etwas Persönliches von sich zeigen, werden sie als Person erkennbar. Die Distanz zwischen Fremden wird vorsichtig abgebaut. Gemeinsamkeiten können entdeckt werden. Es entsteht Kontakt. Das Interesse an weiterem Austausch kann dabei entstehen, ist aber kein notwendiger Maßstab für den „Wert“ eines Kontakts.

Leider wird gerade das „Erzählen“ als „besonders intime Forum der Selbstmitteilung“ in der sozialen Arbeit und Bildungsarbeit oft als Störung angesehen (siehe dazu den Beitrag von Reinhard Völzke). Viele Menschen sind entsprechend ungeübt im „Erzählen“. Ungeduldiges Zuhören verstört zusätzlich und trägt selten zu besserem Erzählen bei. Auch dies spricht dafür, den Prozess der gegenseitigen Annäherung bei Veranstaltungen der Seniorenarbeit nicht dem Zufall zu überlassen. Es gilt, den Teilnehmenden einen Rahmen zu eröffnen, der das behutsame Aufeinander-Zugehen unterstützt, eine Vielzahl an Kontaktmöglichkeiten bietet und damit auch Druck nimmt, zu schnell zu viel von sich preiszugeben oder Grenzen zu überschreiten.

Übrigens: Mit Einsamkeit hat das alles nur wenig zu tun. Auch wenn es ein klassisches Anliegen der Seniorenarbeit war, ältere Menschen vor Vereinsamung zu bewahren oder „sie aus ihrer Einsamkeit“ herauszuholen: Erreicht werden mit den meisten Angeboten Menschen, die nicht vereinsamt sind. Sehr vereinsamte Menschen trauen sich nach schlechten Erfahrungen oft nur noch zu Gruppen und Veranstaltungen, wenn sie sich gewiss sind, dass dort leicht Anschluss zu finden ist. Leider ist das nach vielen Erfahrungen, die mir berichtet wurden, oft nur dann der Fall, „wenn man von jemandem mitgenommen wird“. Eine Leiterin eines großen Seniorentreffs hat mir berichtet, dass von jenen, die in den vergangenen Jahren allein in den Treff gekommen waren, keine länger dabei geblieben war.

 

5. Bedeutung sozialer Netze

Vorhandensein von Kontaktpersonen

 

70+ Jahre

70-84 Jahre

85+ Jahre

Freunde

64%

69%

43%

Bekannte

49%

48%

50%

Nachbarn

29%

28%

30%

Andere Nichtverwandte

14%

14%

14%

Quelle: Berliner Altersstudie: Zuhause lebende und in Institutionen lebende Berliner Wohnbevölkerung (1990/93)

Viele, die sich an Aktivitäten der Seniorenarbeit beteiligen, formulieren das Bedürfnis nach Kontakt nicht an erster Stelle -  sondern zum Beispiel den Wunsch, etwas Neues zu lernen oder gemeinsam mit anderen Dinge zu bewegen.

Die Gewinnung und Vertiefung von persönlichen Kontakten geschieht dabei eher beiläufig - wenn die Rahmenbedingungen dies zulassen oder sogar unterstützen. Ist dies der Fall, können alle profitieren. Mit einem erweiterten sozialen Netz entsteht soziales Kapital und eine wichtige Form der sozialen Vorsorge. Mehr dazu im Beitrag von Gerrit Heetderks "Vom Nutzen sozialer Netze" und Karin Nell zu "Grundgedanken der Netzwerkarbeit".

Soziale Netze stellen eine Vielzahl von Ressourcen bereit. Dabei kommt neben engeren Beziehungen den freundschaftlichen Bindungen oder lockeren Vernetzungen eine besondere Bedeutung zu. Gerade diese losen Netze "bieten wichtige Informations- und Verweisquellen, die es Menschen ermöglichen, über den begrenzten Rahmen enger Beziehungen hinauszuschauen. Dadurch kann tendenziell mehr Wissen und Zugang zu externen Informations- und Hilfsquellen erschlossen werden als in Familiennetzen. In neuartigen Lebenssituationen und beim Übergang in neue Lebensphasen gestatten diese schwächeren Beziehungen schnelle Umdispositionen und raschen Neuaufbau von Freundes- und Nachbarschaftskontakten.“ (Hurrelmann: Gesundheitssoziologie, 2003, mit Verweis auf Bernd Röhrle; vgl. auch Bernhard Badura).

" Wie häufig haben Sie eigentlich selbst mit Leuten zu tun, die über 60 Jahre alt sind?"

 

In Familie

Ausserhalb Familie

Befragte:

häufig

ab und zu

selten /nie

häufig

ab und zu

selten/nie

60-69- jährig

50%

18%

32%

47%

19%

34%

70+-jährig

44%

12%

44%

45%

28%

17%

Quelle: SIGMA (1999) Generationenkonflikt und Generationenbündnis in der Bürgergesellschaft, Stuttgart: Sozialministerium Baden-Württenberg.

 

6. Bedingungen der Kontaktaufnahme

Freundschaftliche und lose Bindungen zeichnen sich – im Unterschied zu engen familiären Bindungen - durch ein hohes Maß an Freiwilligkeit aus (siehe dazu auch die Studien von Sylvia Kade zum Selbstorganisierten Alter). Die Beteiligten haben die Möglichkeit, ihren Kontakt in Qualität und Umfang selbst zu steuern. Das Spektrum reicht vom losen Zusammensein in einer Gruppe bis hin zu gezielten Verabredungen zu selbstorganisierten Aktivitäten. Kontakt in Veranstaltungen und Gruppen kann persönlich und freundschaftlich sein. Voraussetzung ist, dass genügend Möglichkeiten für Teilhabe oder Selbstorganisation gegeben ist. Dies ist beispielsweise gerade oft dort der Fall, wo alte Menschen sich 'nur' zum Kaffeetrinken zusammensetzen, ihre Gesprächsthemen selbständig organisieren und darauf achten, dass jede(r) zu Wort kommt. Mehr zu dieser Form der Selbstorganisation im Beitrag der Arbeitsgruppe Interpretative Sozialforschung zum Alltag in Seniorenfreizeitstätten.

Entscheidend für das Ermöglichen von Kontakt ist immer, dass vielfältige Gelegenheiten zur leichten Kontaktaufnahme gegeben sind. Sicher spielen individuelle Unterschiede eine Rolle. Es gibt Menschen, die gelten als sehr kontaktfreudig. Sie kommen überall mit anderen in Kontakt. Andere sind zurückhaltender. Sie warten lieber ab, bis sich eine gute Gelegenheit für ein Gespräch ergibt. 

Grund für die Zurückhaltung sind nicht selten schlechte Erfahrungen mit Verbindlichkeiten, die sich aus dem vorschnellen Eingehen von Kontakten ergeben können, der Angst vor Zurückweisung oder der Sorge, andere zurückweisen zu müssen. Kontakt wird dann leichter in kleinen Schritten aufgebaut, die ein behutsames Kennenlernen erlauben, vor schroffer Zurückweisung schützen und jederzeit die Möglichkeit zum Rückzug bieten.

Bietet eine Veranstaltung dem Einzelnen Gelegenheit, sich in der Gruppe darzustellen oder von sich zu erzählen, ist ein Kennenlernen in kleinen Schritten möglich. In dieser eher öffentlichen Atmosphäre ist die Wahrscheinlichkeit geringer, vorschnell in ungewollte Verbindlichkeiten zu geraten. Eine „kontaktfreundliche Atmosphäre“ beinhaltet so immer zugleich die Möglichkeit, Abstand leicht wieder herzustellen, ohne andere zu verletzen oder selbst verletzt zu werden

In einer Situation, in der ein lockeres Kennenlernen möglich ist – zum Beispiel am Stehtisch – ist auch ein lockerer Rückzug jederzeit möglich. Je mehr Aufwand für eine Kontaktaufnahme betrieben werden muss, desto schwerer fällt es, sich Erwartungen des anderen zu widersetzen und unverbindlich zu bleiben. Entsteht ein Gefühl von Unfreiheit, wird Kontakt verhindert.

Für sehr einsame Menschen nimmt dies eine besondere Dimension an: Sie messen neuen Kontakten oft besonders hohe Bedeutung bei und fürchten entsprechend mehr, selbst zurückgewiesen zu werden oder andere zu verletzen (Carls, 1994, 1997).

 

6.1. Erstes Beispiel

Herr Meyer besucht einen Kurs, der von einem Dozenten stringent geleitet wird. In der Gruppe gibt es wenig Gelegenheiten, Persönliches beizutragen und etwas voneinander zu erfahren. Pausen sind nicht eingeplant. Herr Meyer möchte aber gern mit anderen ins Gespräch kommen. Im Anschluss an die Veranstaltung spricht er eine andere Teilnehmerin an und verabredet sich mit ihr für den folgenden Tag zu einem Treffen in einem Cafe.

Bei dem Treffen stellen beide fest, wie wenig Gemeinsamkeiten sie trotz aller Sympathie in Wirklichkeit haben. Hätte schon am Rande der Veranstaltung die Möglichkeit zu einem kurzen Kennenlernen bestanden, wäre dies sofort aufgefallen. Herr Meyer möchte die freundliche Dame nicht verletzen und lädt sie aus Höflichkeit zu einem weiteren Treffen ein.

 

6.2. Zweites Beispiel

Frau Schulz besucht regelmäßig einen Seniorentreff. Dort sitzt sie seit Jahren zwischen zwei älteren Damen, die ihr auch schon aus ihrer Nachbarschaft bekannt sind. Auch auf den Ausflügen wird sie von ihren Nachbarinnen die meiste Zeit in Beschlag genommen. Sie möchte aber gern auch mit anderen ins Gespräch kommen.

Als sie sich eines Tages völlig unvermittelt an einen anderen Tisch setzt, wo ein Platz frei geblieben ist, sind sowohl die „alten“ als auch die „neuen“ Tischnachbarn überrascht. Sie möchten wissen, warum Frau Schulz ihren Sitzplatz gewechselt hat. Die einen reagieren beleidigt, die anderen fühlen sich bedrängt.

Hätte es in dem Seniorentreff ein „Kuchenbüffet“, einen Büchertisch oder einen anderen Anlass zum Platzwechsel gegeben, hätte Frau Schulz ohne Erklärungsnot Kontakt aufnehmen können. Sie hätte andere ansprechen können oder wäre von anderen vielleicht angesprochen worden.

 

6.3. Einfache Methoden

Oft sind es eher einfache Maßnahmen, die persönliches Kennenlernen erleichtern. Sie fallen jedem leicht ein, sobald die Förderung von Kommunikation mitbedacht wird. Beispiele sind:

  • Räume können bereits vor Beginn einer Veranstaltung geöffnet werden. Sie sind freundlich gestaltet und laden die Teilnehmenden dazu ein, schon früher zu kommen, um mit anderen zu plaudern.
  • Gelegenheiten werden hergestellt, bei denen Gemeinsamkeiten entdeckt werden können. Zum Beispiel: Die Teilnehmenden werden mit einer Frage oder einem Impuls in die längere Pause „entlassen“, der zu Pausendiskussionen anregt. Der Pausenraum ist inspirierend dekoriert.
  • Mit wechselnden Kleingruppen wird eine feste Sitzordnung sporadisch durchbrochen.
  • Namensschilder werden ausgeteilt. Die Namen auf den Schildern sind gut zu lesen. Eine Namensliste wird erstellt. Namen erleichtern das Ansprechen während der Veranstaltung und auch die Kontaktaufnahme, wenn es zu einem zufälligen Zusammentreffen bei anderer Gelegenheit kommt.
  • In der Veranstaltung werden "Hausaufgaben" verteilt, die zu privaten Verabredungen anregen (zum Beispiel Erkundung von Sehenswürdigkeiten oder Veranstaltungsorten).
  • Die Teilnehmenden erhalten die Aufforderung, eigene Gegenstände mitzubringen und in der Gruppe vorzustellen. Für Menschen, die nicht gern in der Gruppe über sich selbst sprechen, bietet dieses einen guten Kompromiss. Jeder kann etwas zum Gespräch beitragen, bleibt aber sehr frei in seiner Entscheidung, wieviel Persönliches er/sie von sich preisgeben möchte.
  • Lebenserinnerungen und Geschichten sind erwünscht. Sie werden nicht als Störung empfunden und von der Gruppenleitung nicht unterbunden. Bei der Gestaltung des Rahmens wird darauf geachtet, dass das Erzählen Raum finden kann. „Wer erzählt, insbesondere wenn es um selbst erlebte Geschichten geht, ist weitgehend bei sich selbst - und nutzt gleichzeitig die persönlichste Art der Selbstmitteilung, eine sehr intime Form, mit anderen in Kontakt zu treten“ (Reinhard Völzke).
  • Diskussionen werden angezettelt, die polarisieren und entsprechend emotionalisieren und die Besucherinnen und Besucher zu Stellungnahmen bewegen. Bei der Wahl dieser Themen sollte darauf geachtet werden, dass sich alle beteiligen können.
  • Es werden Begegnungen mit anderen Gruppen organisiert (Durchführung gemeinsamer Veranstaltungen, Besuche in anderen Einrichtungen...).
  • Sehr wirkungsvoll sind alle Gelegenheiten, die Mitsprache und Mitgestaltung ermöglichen (Sprecherräte, Planungskreise, Gruppendiskussionen usw.).

 

7. Verantwortliche befähigen, Netzwerk-sensibel zu handeln

Für die Förderung individueller sozialer Netze in der Seniorenarbeit reicht allein der gute Wille der Verantwortlichen nicht aus. Nicht allen fällt es leicht, Kontakt zwischen anderen Menschen zuzulassen, soziale Netze als besonders starke Form der Selbstorganisation in ihrem Arbeitsfeld zu fördern und die damit verbundene Unkontrollierbarkeit von Prozessen auszuhalten (siehe dazu die Abschnitte zu Chaos und Phasen kreativer Prozesse im Beitrag von Karin Nell). Netze knüpfen kann nur, wer von der Bedeutung sozialer Netze überzeugt ist und deren Wirkung selbst erfährt.

Die Bereitschaft, kreative Prozesse zuzulassen, erfordert also Mut. Hilfreich ist eine gute Vernetzung der Verantwortlichen selbst. Hierzu zählt auch die Beteiligung von Ehrenamtlichen und Gästen an Planung und Durchführung von Angeboten auf gleicher Augenhöhe. Menschen, die zusammenarbeiten, lernen sich leicht kennen. Und Teams, in denen die Verantwortlichen ihre Arbeit gemeinsam reflektieren und sich gegenseitig den Rücken stärken, sind ein gutes Mittel gegen Ängste vor Autoritäts- und Kontrollverlusten. Die Übergänge zur „institutionellen Vernetzung“ sind fließend. Mehr dazu im Beitrag von Daniel Hoffmann.

In ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzen ist auch eine offene und partizipative Struktur von Trägern und Verbänden. Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, denen von ihren Vorgesetzten freie Gestaltungsräume zugestanden werden, fällt es leichter, anderen Personen Freiräume zu gewähren.

 

Literaturhinweise aus dem Text:

Arbeitsgruppe Interpretative Alternsforschung (1983): Alltag in der Seniorenfreizeitstätte. Soziologische Untersuchungen zur Lebenswelt älterer Menschen.

Badura, Bernhard (1981): Soziale Unterstützung und chronische Krankheit: Zum Stand sozialepidemiologischer Forschung.

Carls, Christian (1994): Altenhilfe als Begegnungsraum: passé? Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit, 2/94, 73- 79. Online verfügbar

Carls, Christian (1997): Standortfindung offener / diakonischer Altenarbeit im neuen Sozialmarkt. Evangelische Impulse, 1/97, 21-24. Online verfügbar

Carls, Christian (2003): Lernen ohne Druck: Alltag in Senioren-Internetcafés. Online verfügbar

Carls, Christian (2005): Internetcafés –Qualitätskriterien und Rahmenbedingungen. In: DWEKD, EAFA u. DEVAP (Hg.): Leitfaden: Qualitätsentwicklung in der Offenen Altenarbeit.

Höpflinger, François (2003): Soziale Beziehungen im Alter. Online verfügbar

Hurrelmann, Klaus (2003): Gesundheitssoziologie.

Kade, Sylvia (2001): Selbstorganisiertes Alter.

Weitere Literaturhinweise im Bereich 5 in diesem Themenschwerpunkt.

 

Kontakt zum Verfasser:

Christian Carls
Christian Carls
Forum Seniorenarbeit NRW
c/o Diakonisches Werk Rheinland
Lenaustr. 41
40470 Düsseldorf

Tel.: 0211 6398-284
christiancarls@sol-dw.de

 

 

Logo Themenschwerpunkt Juli 2006 / NetzwerkarbeitDieser Artikel ist Teil des Themenschwerpunktes 1/2006: Netzwerksensible Seniorenarbeit. Bitte beachten Sie auch das zugehörige Begleitseminar.

 

 

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Autor: Christian Carls