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Wann sind wir alt?

Paradoxe des Altersbegriffs, Grenzen der klassischen Altersbildforschung und Perspektiven für eine neue Debatte um Altersbilder

von Christian Carls, Forum Seniorenarbeit, Diakonisches Werk Rheinland

'Altersbilder' spielen bei der Diskussion um Altersdiskriminierung eine besondere Rolle. Was aber sind 'Altersbilder'? Und vor allem: Wer ist dort dargestellt?

Wer ist alt? (1)

Der Begriff vom Altersbild ist zunächst eine Metapher. Niemand hat eine Antwort parat, wenn wir ihn/sie fragen: "Zeig mir Dein Altersbild".

Dass es diese fertig abfragbaren 'Altersbilder' nicht gibt, hat viele Gründe. Einer ist,  dass der Umgang mit dem Begriff 'Alter' im alltagssprachlichen Gebrauch vielschichtig und flexibel ist. Begriffe werden im Alltag selten genau definiert. Sie werden uneinheitlich – man könnte auch sagen: differenziert - verwendet. Ihr Sinn erschließt sich aus dem Kontext, ihre Bedeutung ist situativ. Mehr noch: die Bedeutung eines Begriffs wird im Gespräch von 'Sprechenden' und 'Zuhörenden' oft gemeinsam erschaffen. Erst dann entsteht, was Sprachforscher 'Intersubjektivität' nennen – wirkliche Verständigung. Konkreter am Thema: Die Selbstbezeichnung als 'alt' dient beispielsweise bei der Beantragung eines 'Seniorenpasses' oder einer 'Altenwohnung', bei aufzuteilenden Gartenarbeiten oder dem 'ernsten Wort' mit Jüngeren ganz unterschiedlichen Zwecken. Entsprechend vielfältig ist der transportierte Sinn. "Man ist so alt, wie man sich fühlt" ist ein beliebter Spruch, der diese Vagheit gut zum Ausdruck bringt.

Wer ist alt? (2)

Ganz anders verhält es sich in vielen klassischen Studien aus der Altersbildforschung. Selbst wenn zunächst ein differenzierter Altersbegriff postuliert wird, der sich von den simplen Altersbegriffen der Laien wohltuend abheben soll: im Zuge klassischer Sozialforschung ist ein klar definierter Begriff einfach praktischer. So heißt es zum Beispiel in einem Grundlagenwerk zur Altenarbeit knapp: „Um soziologisch an Fragen und Problemen des Alters arbeiten zu können, muß man das kalendarische Alter zu Hilfe nehmen. Der kalendarische Altersbegriff wird vom Statistiker benutzt und zieht die Grenze zwischen 'alt' und 'nicht alt' recht willkürlich beim Erreichen des 65. Lebensjahres: Wer 65 Jahre alt und älter ist, zählt danach zu den alten Menschen, wer jünger ist, nicht. Nur mit einer solchen starren Grenzziehung kann man statistisch arbeiten" (Witterstätter, 1983, 37). 

Hier beginnen viele Mißverständnisse zwischen Forschung und Praxis. Denn: Wenn Menschen sich im Alltag - oder in Befragungen - über 'alte Menschen' äußern, geht es eher selten um statistische Aussagen über eine klar abgegrenzte Altersgruppe. Leider aber wird mit vielen Studien zum Altersbild so umgegangen, als hätten sich die Befragten in den abgefragten und meist vorgegebenen Stegreifantworten über eine fixierte Altersgruppe geäußert, z.B. über die 'über 60jährigen' oder über die 'über 65jährigen' (Carls, 1996, 38ff). Auf diese Weise kann ein enormer Kontrast zwischen dem unterstellten 'falschem' und einem vermeintlich 'realistischeren', 'wissenschaftlichem' Altersbild leicht entstehen. Beispiel: 'Alte Menschen gelten generell als pflegebedürftig' - ein 'falsches' Bild: "In Wahrheit sind nämlich von allen 60- bis 70jährigen nur 0,9% pflegebedürftig und 0,6% in Heimen" (Lehr, 1987, 12f).

In einer 1991 veröffentlichten Studie zum 'Altersbild' 'älterer' Menschen wurde gefragt, ab welchem Alter Menschen für die Befragten 'alt' sind. Der  "Beginn des 'Alt-Seins' wurde von den Befragten im Durchschnitt mit 71,6 Jahren verortet" (Oswald, 1991, 282). Aber auch das schafft noch keine wirkliche Klarheit. Denn in diesem Beispiel wurden die Befragten gewissermassen 'genötigt', eine statistische Brille aufzusetzen und den Beginn des Alters von einer Zahl abhängig zu machen. Die Möglichkeiten ihrer Definition wurde von vornherein stark eingeschränkt.

"Alt bin ich, wenn ich .... nicht mehr kann" ist eine im Alltag beliebte Altersdefinition. Zum Beispiel: Alt bin ich, wenn ich nicht mehr Autofahren kann. Das ist ein überraschendes Bild, aber sicher kein 'negatives Altersbild' im Sinne einer falschen Annahme über die 'über 65-Jährigen'. Denn: Solange man noch Autofahren kann (oder: "Alleine raus kann", "Fenster putzen kann"...), ist man ja nicht 'alt'...

Zu dieser Problematik gibt es eine aufschlussreiche Studie, die 1982 von einem amerikanischen Sozialforscher, David Schonfield, veröffentlicht wurde: Schonfield ließ Personen Fragebögen vorlegen, wie sie damals zur Erforschung von Altersbildern üblich waren. Es ergaben sich die üblichen Ergebnisse:

So stimmten beispielsweise 22% der Befragten der Aussage zu, dass "alte Menschen schrullig werden" (englisch: 'cranky'). 77% stimmten der Aussage zu, dass "Menschen im Alter religiöser" werden.  Danach wurde es interessant. Den Befragten wurde derselbe Fragebogen nochmals vorgelegt – mit einer kleinen Änderung. Die Befragten sollten nun schätzen, ob die Aussagen zumindest für „80% der 'alten Menschen'“ zutreffen. Unter diesen Bedingungen glaubten nur noch 7% der Befragten, dass "alte Menschen schrullig werden" und nur noch 21%, dass "Menschen im Alter religiöser" werden.

Wie bei anderen Studien auch, sind unterschiedliche Interpretationen dieses Befundes denkbar. Möglich ist, dass die Befragten zunächst einen 'funktionellen Altersbegriff' anwandten (alt bin ich, wenn ich so oder so bin), um im zweiten Durchgang zu einer für diese Zwecke geeigneteren kalendarischen Altersbegrifflichkeit zu wechseln. Denn nun musste die Schätzung quantifizieren ("zutreffend für mindestens 80%"), also auf eine quantifizierbare Gruppe bezogen werden (nach subjektiver Wahl, z.B. auf "die über 71jährigen"). Die Studie zeigt jedenfalls, wie vage der Altersbegriff von Befragten verwendet werden kann – eine Vagheit, der Studien zum Altersbild selten Beachtung schenken.

Wie situativ, sprunghaft und vage 'Altersdefinitionen' sind, illustriert auch eine bereits sehr frühe Studie zu 'Altersbildern' (Jeffers/Eisdorfer/Busse, 1962). Dort wurden Personen gefragt, ob sie sich als jung, mittleres Alter, älter, alt oder betagt bezeichnen würden ("young, middle-aged, elderly, old, or aged"). Eine Stunde später sollten die Befragten denselben Begriffen allgemeine Altersspannen zuordnen und wurden im Anschluss um eine nochmalige Selbsteinordnung gebeten. Nur bei 26% der Befragten stimmte die Selbsteinordnung mit den von ihnen genannten Altersspannen überein. So machte es einem 70-jährigen Befragten beispielsweise nichts aus, sich selbst als 'jung' einzuordnen, die Altersgrenze für 'jung' aber mit 50 Jahren anzugeben. 59% der Befragten änderten beim zweiten Durchgang sogar ihre Selbsteinordnung. Wer sich beispielsweise vorher als 'mittleres Alter' eingruppiert hat, bezeichnete sich wenig später als 'jung' – oder andersrum. Diese Sprunghaftigkeit muss nicht als Ausdruck eines beschränkten Intellekts der Befragten gedeutet werden. Die Bedeutung solcher Zuordnungen ist kontextabhängig; die zur Antwort 'genötigten' Befragten antworten aus dem Stegreif, situativ, möglicherweise desinteressiert, auf jeden Fall – ohne Dialog – ganz subjektiv.

Und nun?

Die Metapher vom 'Altersbild' kann zum Nachdenken anregen: Wie malen wir uns unser Leben im Alter, das Leben älterer Menschen, 'das Alter' aus? Was wird dargestellt? Was wird ausgelassen? Werden 'alte' Menschen abgebildet? Die Orte, die sich 'alte' Menschen selbst eingerichtet haben, oder jene, die sie vorfinden? Würde jeder Altersbilder-Maler, jede Altersbild-Malerin nur ein Bild erstellen können, nur ähnliche oder vielleicht ganz viele, unterschiedliche? Und ließen sich diese Bilder in 'gut' oder 'schlecht',  'positiv' oder 'negativ' unterteilen? Wenn man sich mit Laien unterhält, kann es tatsächlich passieren, dass sich das Gegenüber zunächst ein gemaltes Bild vorstellt.

Und tatsächlich geht es bei der Rede von Altersbildern auch um Kunst. 'Bilder vom Alter' werden (re)konstruiert. Sich darüber auszutauschen, kann ein entspannter, kreativer, lebendiger Prozess werden – insbesondere im generationenübergreifenden Austausch. Voraussetzung ist, dass von den beurteilenden Perspektiven der klassischen Altersbildforschung Abstand genommen wird. Ein Austausch über Altersbilder birgt viel mehr Potential als der Widerstreit von 'falschen Stereotypen' und 'wissenschaftlich belegten, objektiven Fakten' über das Alter, der in der Literatur zur Gerontologie und Altenarbeit vielfach inszeniert wurde (Carls, 1996).

Zum Dialog auf Augenhöhe führen einfache Fragen: Sind zum Beispiel statistische Aussagen über die Lebenssituation der '65jährigen' den Bildern von Laien per se an Wahrheit überlegen? Aber auch: Ist das Bild eines 'Alten' über 'das Alter' richtiger als das eines Kindes, Jugendlichen oder jungen Erwachsenen? Gibt es über allem ein wissenschaftliches Altersbild, das nur zu vermitteln wäre? Wer hat das richtige Altersbild? Wer hat das falsche?

Ein neuer, kreativer Zugang zu 'Altersbildern' entsteht, wenn 'schulische' Beurteilungen über das richtige Altersbild überwunden werden und Neugier für die Vielfalt der Zugänge, der Bilder und Möglichkeiten vom Leben im Alter entfacht wird.

 

Literaturhinweise aus dem Text

Carls, Christian (1996): Das neue Altersbild. Das Buch ist in Auszügen online verfügbar: www.kritische-gerontologie.de/kritik.htm

Jeffers, Frances C. / Carl Eisdorfer / Ewald Busse (1962): Measurement of age identification: a methodologic note. Journal of Gerontology, 1962, 437-9.

Lehr, Ursula (1987): Von der neuen Kunst des Älterwerdens. In: Aktion Gemeinsinn e.V (Hg.): Wie wollen wir morgen älter werden? S. 10-35.

Schonfield, David (1982): Who is Stereotyping whom and why? The Gerontologist, 22-3, 1982, 267-272.

Schonfield, David (1989): Language of Aging or Agism? The Gerontologist, 29-5, 1989, 709.

Witterstätter, Kurt (1987): Soziologie für die Altenarbeit. 5., überarbeitete und ergänzte Auflage.

 

Kontakt

Christian Carls
Forum Seniorenarbeit NRW
c/o Diakonisches Werk Rheinland
Lenaustr. 41
40237 Düsseldorf

Tel.: 0211 6398-284
christiancarls@sol-dw.de

 

 

Dieser Artikel ist Teil des Themenschwerpunktes Februar 2007: Gleiche Rechte und Chancen für alle Lebensalter.

 

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15.02.2007 
Quelle: Christian Carls