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© EEB Nordrhein 

"Ansehen"

Fortbildung zur Begleitung dementiell Erkrankter am Lebensende

Claudia Hartmann, Evangelisches Erwachsenenbildungswerk Nordhrein


1. Einführung

Das Evangelische Erwachsenenbildungswerk Nordrhein e.V. und das Diakonische Werk im Rheinland haben vor zweieinhalb Jahren das Projekt „AnSehen“ ins Leben gerufen. Hier wurden inzwischen über 100 haupt- und ehrenamtliche Mitarbeitende sowie betreuende Angehörige in Fortbildungsprozessen geschult, um Menschen mit einer Demenzerkrankung am Ende ihres Lebens zu begleiten. In der Regel werden diese Fortbildungen als In-House-Schulungen in Einrichtungen der Altenhilfe durchgeführt.

Zusätzlich konnten im Projektzeitraum bereits über 300 Personen in Vortrags- und Tagesveranstaltungen, in Workshops und bei Angehörigentreffen für das Thema sensibilisiert werden.

„Das kann ehrenamtliches Engagement doch nicht mehr leisten!“ war ein empörter Kommentar einer Fachkraft aus der Seniorenarbeit. Sichtbar wird bei solchen pauschalen Äußerungen eine eigene Unsicherheit und manchmal auch ein überhöhter Anspruch an die Begleitung von sterbenden Menschen. Unberücksichtigt bleibt dann, dass es bereits vielfältige Erfahrungen von ehrenamtlich Engagierten gibt, die genau diese „Leistung“ über einen langen Zeitraum erbringen. Voraussetzung ist allerdings eine gute Vorbereitung durch eine adäquate Fortbildung und eine kontinuierliche und zuverlässige fachliche Begleitung.

2. Auffällige Besonderheiten des AnSehen-Konzeptes sind das Überschreiten traditionell gewachsener Strukturen durch die Zusammenführung unterschiedlicher Zielgruppen:
 

  • Die jeweiligen Fortbildungsgruppen setzen sich sowohl aus hauptamtlichen als auch aus ehrenamtlichen MitarbeiterInnen sowie mit betreuenden Angehörigen zusammen. Diese Zusammenführung ermöglicht eine vielfältige Sichtweise auf das Thema. In der Bildungsarbeit ist hingegen eine Selektion von Zielgruppen noch weit verbreitet – verbunden mit der Suggestion, dass Wissen am besten vermittelt werden könne, wenn die Teilnehmenden sich auf ihren spezifischen Berufs- bzw. Erfahrungshintergrund beschränken.
  • Die traditionelle Grenzziehung zwischen Hospizarbeit sowie stationärer, ambulanter und gemeinwesenorientierter Seniorenarbeit wird im Projekt AnSehen außer Kraft gesetzt. Auf diese Weise wird die Fokussierung auf den Menschen, die sich lediglich an seiner jeweiligen Wohnform orientiert, zugunsten eines vollständigeren Menschenbildes zurückgedrängt. Und zusätzlich fungieren die Fortbildungen als Brückenbauer zwischen den verschiedenen Angebotsformen der Senioren- und der Hospizarbeit. 

3. Die Methodenwahl orientiert sich an der Philosophie des Projektes AnSehen          

Die Fortbildung intendiert nicht, Menschen zu „ausgezeichneten“ SterbebegleiterInnen auszubilden, sondern vielmehr, weiterführende Fragestellungen aufzuzeigen um den Blick für die Fülle von menschlichen Verhaltensweisen und Ausdrucksformen zu weiten.
Insofern versteht sich die Fortbildung als eine Begleitung zur Persönlichkeitsentwicklung, die inhaltlich das Thema des Sterbens von Menschen mit einer Demenz ins Zentrum rückt (vgl. TZI).

Die Fortbildungen beabsichtigen, durch die Vermittlung von Sinneserfahrungen die Wirklichkeit von Daseinsweisen wahrzunehmen und neue Betrachtungsweisen anzubieten.

Entsprechend dieser Zielvorstellung, entstammen viele der Methoden dem systemischen Coaching (vgl. Fallner / Pohl, Coaching mit System. Opladen 2001).
Insbesondere die dort verwendeten „analogen Methoden“, eignen sich, Erkenntnisse im Sinne von Einsichten zu vermitteln. Dabei geht es darum, die nicht-sprachlichen, emotionalen Elemente der Wirklichkeit zu erschließen und sie einer gemeinsamen Auseinandersetzung verfügbar zu machen.

Dem entsprechend lassen sich Parallelen zur Erlebnispädagogik ausmachen, die sich selbst allerdings eher im Rahmen einer Jugend(sozial)arbeit verortet und die versucht, mit Hilfe von Abenteuersportarten Lernmöglichkeiten zu erschließen.

Die Art der Gewinnung von Einsichten lässt sich jedoch auch auf die Fortbildung von Erwachsenen zum Themenbereich der Begleitung von Menschen mit einer Demenz in der letzten Lebensphase übertragen: Ein Erlebnis wird dabei als ein innerer Prozess verstanden, bei dem äußere Einflüsse wahrgenommen und in ein individuelles Verständnissystem integriert werden. Der erfahrene Reiz wird sodann subjektiv zu einem Eindruck verarbeitet. Aufgrund der selektiven Wahrnehmung unserer Sinne erreicht unser Bewusstsein nur eine Auswahl des Neuen.
„Es wird vermutet, dass eine geballte pädagogische Energie in besonderen Erlebnissen liegt, die lange nachwirkt oder nur ins Vorbewusste abgleitet und bei Bedarf ins Bewusstsein gerufen werden kann. Das Erlebnis wirkt also sozusagen von selbst, wird zum Bodensatz der Persönlichkeit, und braucht nicht durch ein bewusst machendes Gespräch oder andere Methoden verstärkt werden.“ (Heckmair / Michl, 1994, S. 67)

Wer sich dem Erleben von etwas Neuem aussetzt, kann diese Erfahrungen zu Einsichten verarbeiten. Dieser Prozess hat prägende Wirkung auf das Wahrnehmungs- und Verhaltensrepertoire des Individuums. Derjenige, der das Erlebte bedenkt und integriert, erkennt zunächst die Not-Wendigkeiten und entwickelt sodann kreative Maßnahmen zur Umsetzung von Veränderungen.


4. Lernen geschieht hier in einem Dreischritt:

a) durch eine kurzfristige Aneignung von außergewöhnlichen Lebensformen,

b) durch das konfrontierende Erleben dieser Lebensform und schließlich

c) durch das Bezeichnen und Bedenken des Erlebten.

Der Transfer des Gelernten geschieht, indem die Teilnehmenden schildern, was sie in den Simulierungsübungen besonders konfrontiert hat und was in dieser Situation wünschenswert gewesen wäre bzw. wohltuend gewirkt hätte.

Es zeigt sich, dass die Teilnehmenden stets an unterschiedlichen Stellen berührt werden und sich irritiert fühlen.
Diese „Erschütterungen“ der eigenen (Glaubens-)gewissheiten werden aufgenommen und als eigentliche Ressource der Aneignung von neuen Erkenntnissen genutzt (ohne in therapeutisch-gruppendynamische Klischees abzudriften).
 
Zur Veranschaulichung des Gesagten sei hier ein Beispiel aus der Fortbildung beschrieben, wie es eigentlich. in jeder Fortbildungsgruppe immer wieder vorkommt:
Um zu vermitteln wie (verändert) die Wahrnehmungen von bettlägerigen Menschen sein können, führen wir in der Fortbildung die folgende schlichte Übung durch: Die Teilnehmenden liegen – soweit möglich – auf dem Boden und werden aufgefordert nicht zu sprechen, sich möglichst nicht zu bewegen und vor allem die Augen nicht zu schließen bis die Übung beendet wird. Die Übung wird durch die Leitung nach 15 Minuten beendet. Im Gespräch wird immer wieder ein intensives Erleben dieser relativ kurzen Zeit geschildert:

  • die vergangene Zeit kann nur schlecht eingeschätzt werden,
  • es fällt sehr schwer, die Augen geöffnet zu lassen, Müdigkeit ist nicht aufzuhalten
  • das Körpergefühl verändert sich
  • manche erleben visuelle Irritationen wie Lichtblitze, ein Verschwimmen von Konturen
  • viele versuchen, ihre Konzentration und Orientierung durch bestimmte „Übungen“ wie Aufsagen von Gedichten, Zählen von Löchern in der Decke etc. wach zu halten (Menschen mit einer Demenz können das nicht!  ) u.v.m

Oft sind nach dieser Übung die erste Aussagen: „Das ist ja Psycho-Terror“ oder „Nun ist mir klar, wieso Frau Meyer so schreit...“ oder „Wir müssen in unserem Hause unbedingt den Wohnraum gestalten und etwas Abwechslung für die Sinne anbieten“ 

5. Spirituelle Erfahrung ereignet sich in der Aufmerksamkeit und dem Innehalten für das Augenblickliche

Ähnlich wie die Atmosphäre in der Begleitung eines sterbenden Menschen als spirituell erlebt werden kann, wirkt auf manche Teilnehmenden die Intensität eines Kontaktes während einer Übung so als seien sie „ganz weit weg“ oder „in einer anderen Welt“. Das mag vielleicht etwas fremd anmuten. Diese Erfahrungen können aber auch als Ausdruck eines Bedürfnisses nach Spiritualität gewertet werden. Spiritualität ist in diesem Sinne „sehr stark auf die Erfahrung, auf das Erleben bezogen“. „Spiritualität ist etwas sehr Gegenwartsbezogenes, lässt sich nicht planen, lässt sich nur teilweise in Strukturen bringen; sie muss gelebt werden – auch wenn das nur in ganz kleinen Einheiten und ganz fragmentarisch möglich ist.“ (Bernward Wolf, Spiritualität in der Diakonie, S. 69) Und – so der Theologe Bernward Wolf weiter: „Echte Spiritualität kann nur in einem Klima absichtsloser Offenheit gelingen. (...) Das bedeutet keineswegs innere Passivität, sondern im Gegenteil hohe Aufmerksamkeit für mich selbst, für das Leben um mich herum, für Spuren Gottes in dem, was ich erlebe.“ (A.a.O., S. 70; vgl. Fulbert Steffensky: „Spiritualität ist Aufmerksamkeit“, Eine Übung in subversiver Wahrnehmung, S. 119-131)

6. Herausforderungen und Trends

Die beschriebenen Vorgehensweisen wirken auf den einen oder die andere Teilnehmende/n, denen eher klassische Bildungsmethoden (Vortrag, Diskussion etc.) vertraut sind, überraschend. Das zeigt sich unter anderem  darin, dass einzelne Teilnehmende immer wieder nach einer Benennung von Methoden fragen („Ist das nun Basale Stimulation?“), da im Berufsalltag die eigenen Gewissheiten nicht als fachliches Expertenwissen anerkannt werden. Die Freiheit, sich einen eigenen stimmigen Weg des Kontaktes wählen zu können, wird als verunsichernd erlebt.

Im Verlauf der Fortbildungen, die einen relativ engen Zeitrahmens von maximal 45 Unterrichtsstunden umfassen, kann für Fragestellungen sensibilisiert und eine Ausgangsbasis für weiterführende Entwicklungen gelegt werden.

Um die Reflexions- und Handlungskompetenzen nachhaltig zu sichern, ist ein weitergehender Austausch sinnvoll.

In diesem Abschnitt der Fortbildung könnte auch ein internetgestützter Austausch in Foren und Chats sinnvoll eingesetzt werden. Durch den vereinfachten und zeitlich unabhängigen Austausch über das Internet kann die Umsetzung des Erlernten in den jeweiligen Einrichtungen begleitet und  - zum Beispiel durch eine kollegiale Beratung - gesichert werden. Denn die Erfahrungen sollten, um in der jeweils aktuellen Lebenswelt wirksam werden zu können, im Kontext des beruflichen Alltags kontinuierlich vergegenwärtigt und auf die jeweiligen Bedingungen bezogen werden.

Literatur:

Boes, Charlotte (2007): Palliativkompetenz: Qualität durch Qualifizierung. DeSSOrientiert, S. 28-32: "Eine gute Grundlage für die Kompetenzentwicklung von Mitarbeitern in der Sterbebegleitung von Menschen mit Demenz könnte beispielsweise eine Schulung nach dem in dieser Ausgabe von "DeSSorientiert" beschriebenen AnSehen-Konzept (...)sein." Download möglich über www.demenz-support.de

Dörner, Klaus: Leben und sterben, wo ich hingehöre. Dritter Sozialraum und neues Hilfesystem. Neumünster 2007

Fallner, Heinrich / Pohl, Michael (2001): Coaching mit System. Opladen.

Hartmann, Claudia (2006) Fortbildung für haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Begleitung von demenzerkrankten Menschen in der letzten Lebensphase. Arbeitshilfe für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, Projekt AnSehen, hg. v. Evangelischen Erwachsenenbildungswerk Nordrhein e.V., Düsseldorf

Hartmann, Claudia (2006): Die Begleitung von demenzerkrankten Menschen in ihrer letzten Lebensphase. Broschüre für pflegende Angehörige und ehrenamtliche MitarbeiterInnen, die einen Menschen mit Demenz in ihrer letzten Lebensphase begleiten möchten. Düsseldorf.

Heckmair, Bernd / Michl, Werner (1994): Erleben und Lernen. Einstieg in die Erlebnispädagogik. 2. Auflage, Neuwied

Pohl, Michael / Braun, Michael (2004): Vom Zeichen zum System. Coaching und Wissensmanagement in modernen Bildungsprozessen, mit Beiträgen von Heinrich Fallner, Waltrop

Steffensky, Fulbert (2001): Spiritualität ist Aufmerksamkeit. In: Neue Sammlung, 41 (2001) 1, 119-131

Kontakt:

Claudia HartmannClaudia Hartman

Evangelisches Erwachsenenbildungswerk Nordrhein e.V.
Projekt AnSehen

Graf-Recke-Str. 209
40237 Düsseldorf

Tel.: 0211-3610-229

Mail: Hartmann@eeb-nordrhein.de

www.eeb-nordrhein.de







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Autor: Daniel Hoffmann