Praxis:Nah – im Gespräch 02/2026
Das gesamte Interview als PDF Dokument: Im Gespräch_Radevormwald
In der Betragsreihe „Praxis:Nah“ stellen wir regelmäßig gelungene Beispiele aus der Senior:innenarbeit vor. Im Format „Praxis:Nah – im Gespräch“ erzählen die Akteur:innen selbst von ihren Erfahrungen, machen ihre Arbeit sichtbar und teilen ihre Perspektiven für die Zukunft.
Netzwerktag 2026:
Age-friendly Cities in NRW: Alter(n)sfreundliche Kommunen in der Praxis
Der Netzwerktag 2026 des Forum Seniorenarbeit NRW widmete sich dem WHO-Konzept der „Age-friendly City“. Im Mittelpunkt standen die Strukturen, Strategien und Praxisansätze der fünf alter(n)sfreundlichen Kommunen in Nordrhein-Westfalen: Radevormwald, Gelsenkirchen, Düsseldorf, Münster und Bochum. Die Vertreter:innen der Kommunen stellten beim Netzwerktag in Gelsenkirchen ihre Perspektiven, Erfahrungen und Ansätze rund um den Gestaltungsprozess alter(n)sfreundlicher Städte und Gemeinden anhand von fünf Leitfragen dar.

Jürgen Funke ist Leiter der Stabstelle für Ehrenamt, Kultur, Sport und Bürgerschaftliches Engagement sowie kommunaler Ansprechpartner rund um das Thema Age-friendly City der Stadt Radevormwald, die als erste deutsche Stadt bereits im Jahr 2016 dem Age-friendly City Netzwerk beigetreten ist.
©Jürgen Funke
1. Ausgangspunkt und Motivation
Was war der konkrete Anlass oder Bedarf, der den Anstoß für Ihre Kommune gegeben hat, den Weg hin zu einer alter(n)sfreundlichen Kommune bzw. Age-friendly City zu beginnen?
Die Stadt Radevormwald hatte sich bereits im Jahr 2000 bei dem WHO Projekt Active Aging beteiligt (mit Hannover und Wien). Hintergrund war die Feststellung, dass zum damaligen Zeitpunkt viele relativ junge Berufstätige in den Vorruhestand gingen und dann in ein Loch fielen. So kam es dazu, dass wir in Radevormwald den Verein aktiv55plus gegründet hatten. Hierhin hatte die Stadt seinerzeit auch die Sozial- und Pflegeberatung ausgegliedert und auf den Verein übertragen. Dazu wurde auch ein Gebäude angemietet, was zum Begegnungszentrum umgebaut wurde, unter der Federführung von aktiv55plus wird dieses Hürxthalhaus betrieben. Im Jahr 2009 wurde in Rade der Seniorenbeirat ins Leben gerufen. Dieser tagt regelmäßig und berät Politik und Verwaltung und entsendet in alle Ausschüsse beratende Mitglieder. Im Gesamten hatten die damaligen Akteure (Stadt, aktiv55plus, Seniorenbeirat) festgestellt, dass wir in Radevormwald eigentlich schon einen großen Teil der Voraussetzungen für die Aufnahme unserer Stadt in das Netzwerk Age friendly City erfüllten und haben uns als erste Stadt in Deutschland dafür beworben.
2. Prioritäten und Maßnahmen
Es gibt die acht Handlungsfelder: Öffentlicher Raum, Verkehr und Mobilität, Wohnen, Soziale Teilhabe, Soziale Inklusion und Nichtdiskriminierung, bürgerschaftliches Engagement und Beschäftigung, Kommunikation und Information, Kommunale Dienstleistungen und Gesundheitsdienstleistungen. Welche Handlungsfelder wurden zu Beginn als besonders relevant identifiziert und welche konkreten Maßnahmen wurden daraufhin umgesetzt?
Die damaligen Akteure hatten das Thema Wohnen als besonders wichtig angesehen. Die Problematiken der nicht seniorengerechten Beschaffenheit von Wohnungen rein aus technischer Sicht und auch die eher geringe Zahl von Wohnungen im Sozialen Wohnungsbau wurden erkannt. Man gab sich gemeinsam das Ziel, 30 % aller künftigen Neubauten als Sozialen Wohnungsbau künftig zu verwirklichen. Trotz Bemühungen und ausgiebiger Suche wurde kein Investor gefunden. Dann kam Corona, und die Bemühungen traten insgesamt etwas in den Hintergrund. In den Jahren nach Corona ergab sich eine neue Perspektive, da eine Kirchengemeinde einen Gebäudekomplex aufgegeben hat. Hier sollen künftig nach Jahren des Stillstands Sozialwohnungen entstehen.
3. Beteiligung
Wie wurden relevante Akteur:innen sowie ältere Bürger:innen mit in die Planung und Umsetzung der Maßnahmen einbezogen?
Wir haben aus der Lenkungsgruppe zu Age-friendly City heraus gemeinsam mit Sozialamt, aktiv55plus und Seniorenbeirat einen Fragebogen entwickelt mit rund 80 Fragen, versendet an Menschen mit über 59 Jahren. Rd. 3.000 Fragebögen gingen raus, rd. 1.200 kamen zurück (rund 40 %). Dies stellt eine sehr gute Rücklaufquote dar. In Kürze werden dazu Maßnahmen entwickelt, die dann der Politik vorgestellt werden sollen.
4. Herausforderungen im Umsetzungsprozess
Mit welchen Herausforderungen oder Hindernissen in der Planung und Umsetzung waren Sie konfrontiert, welche Lösungsansätze wurden gefunden und welche Herausforderungen bleiben bestehen?
Eine Herausforderung war natürlich Corona. Aber mehr noch ins Gewicht fällt, dass es bei der Stadtverwaltung nur bedingt möglich war, einen Organisator, Kümmerer, zu finden. Es gab zwar einen Ansprechpartner, aber aus Zeitgründen war eine aktive Steuerung des Prozesses mehr als schwierig. Seit dem 01.05.2026 bin ich nun der neue Koordinator für Age-friendly City bei der Stadt Radevormwald, als Stabstelle des Bürgermeisters mit den Aufgaben Ehrenamt, Kultur, Sport und Bürgerschaftliches Engagement. Wir geben uns in Radevormwald dazu nun neue Strukturen, wir haben eine Steuerungsgruppe gegründet mit den beteiligten Playern aus der Verwaltung und Organisationen. Wir werden den Prozess verstetigen und ausbauen und die Themenfelder in Verbindung mit den Ergebnissen der Fragebogenaktion bearbeiten und Stück für Stück auf den Umsetzungsweg bringen.
5. Wirkungen und Mehrwert
Welche Maßnahmen haben sich aus Ihrer Sicht als besonders wirksam erwiesen sowohl für ältere Menschen als auch für die Kommune und welche unerwarteten positiven Effekte konnten Sie beobachten?
Als besonders wirksam hat sich die Entwicklung an den Wupperorten herausgestellt. Hier wurden verschiedene Maßnahmen der Stadtentwicklung angefasst und mit europäische Fördergeldern auf den Weg gebracht: Ein Ärztehaus, ein Bürgerzentrum, ein neuer Sportplatz. Nach einem früheren Ausbluten des Quartiers zogen nun neue Familien dorthin, so dass auch ein neuer und größerer Kindergarten gebaut werden musste. Unerwartet ist, dass die Bevölkerung der Wupperorte ein neues Gemeinschaftsgefühl entwickelt hat. Vereine sind aufgeblüht und hoch engagiert, viele Aktionen für Jung und Alt finden statt.
Kontakt und Informationen

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Jürgen Funke
Leiter der Stabstelle für Ehrenamt, Kultur, Sport und Bürgerschaftliches Engagement
Web-Adresse: https://www.radevormwald.de/ehrenamt/
Quelle Beitragsbild: ©Jürgen Funke und ©Africa images. Erstellt mit Canva.