Im Rahmen des digitalen Fachtags stand die Frage im Mittelpunkt, welche Rolle Haltung und Verantwortung beim Aufbau und der Weiterentwicklung Sorgender Gemeinschaften spielen. Der Vortrag machte deutlich: Sorgende Gemeinschaften entstehen nicht allein durch neue Angebote oder Projekte. Entscheidend ist vielmehr die gemeinsame Haltung der beteiligten Akteure und die Bereitschaft, Verantwortung für das Zusammenleben im Sozialraum zu teilen.
Von Zuständigkeiten zu gemeinsamer Verantwortung
Traditionell ist das Gesundheits- und Sozialwesen durch klar definierte Zuständigkeiten geprägt. Wer für welche Aufgaben verantwortlich ist, ist häufig festgelegt. Sorgende Gemeinschaften gehen darüber hinaus. Sie basieren auf dem Gedanken eines gegenseitigen Gebens und Nehmens, bei dem Menschen entsprechend ihrer Möglichkeiten Unterstützung erhalten und zugleich eigene Ressourcen einbringen können.
Dabei geht es nicht darum, professionelle Hilfesysteme zu ersetzen. Vielmehr entsteht eine Sorgekultur, in der Haupt- und Ehrenamtliche, Nachbar:innen,(pflegende) An- und Zugehörige, Initiativen, Vereine und kommunale Akteure gemeinsam Verantwortung übernehmen. Teilhabe, Selbstbestimmung und soziale Beziehungen werden dabei zu zentralen Orientierungspunkten.

Abbildung 1: Eigene Darstellung.
Eine solche Haltung setzt voraus, Vielfalt anzuerkennen, unterschiedliche Lebenslagen mitzudenken und Menschen unabhängig von Alter, Herkunft, Bildung, Behinderung oder sozialer Situation als aktive Mitgestaltende wahrzunehmen.
Haltung als Qualitätsmerkmal
Ein Schwerpunkt des Vortrags lag auf dem Qualitätsstern des Kompetenzzentrums für Kulturelle Bildung im Alter und inklusive Kultur (kubia). Das Instrument wurde ursprünglich entwickelt, um Qualitätsdimensionen kultureller Bildungsangebote im Alter sichtbar zu machen. Gleichzeitig bietet es wertvolle Anknüpfungspunkte für die Gestaltung sorgender Gemeinschaften.

[Hier geht es zum Qualitätsstern]
Im Zentrum steht die Erkenntnis, dass Qualität nicht allein über Strukturen oder Ergebnisse definiert wird. Vielmehr bildet die zugrunde liegende Haltung die Basis für tragfähige Kooperationen und nachhaltige Entwicklungen.
Zu den zentralen Qualitätsmerkmalen gehören:
- Partizipation und Orientierung an den Lebenswelten der Menschen,
- größtmögliche Barriere-Armut,
- Diversitätssensibilität,
- Ganzheitlichkeit,
- Prozessorientierung,
- Förderung von Engagement und sozialer Interaktion,
- Sichtbarkeit der Potenziale aller Beteiligten sowie
- Kooperation und Vernetzung.
Besonders hervorzuheben ist die Perspektive auf Barriere-Armut. Diese beschränkt sich nicht auf bauliche Zugänge. Ebenso relevant sind kommunikative, kulturelle, soziale und kognitive Barrieren, die Menschen von Teilhabe ausschließen können. Die Leitfrage lautet daher nicht, welche Einschränkungen Menschen haben, sondern welche Barrieren durch Strukturen und Rahmenbedingungen entstehen.
Barrieren erkennen und abbauen
Anhand des kubia-Vorgehensmodells „Eine Party für alle“ wurde gezeigt, wie Organisationen und Initiativen systematisch Barrieren identifizieren und abbauen können.
Das Modell versteht sich bewusst nicht als starre Checkliste. Stattdessen unterstützt es dabei, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen, konkrete Berührungspunkte zu analysieren und passgenaue Lösungen zu entwickeln. Im Mittelpunkt stehen die Erfahrungen der Menschen selbst. Das vorgestellte Anwendungsbeispiel verdeutlichte, wie bereits kleine Veränderungen zu mehr Teilhabe beitragen können. Für Menschen mit hoher Geräuschempfindlichkeit können beispielsweise Rückzugsorte, klare Ruhezeiten oder alternative Beteiligungsmöglichkeiten wichtige Voraussetzungen sein, um sich aktiv in gemeinschaftliche Aktivitäten einzubringen.
Der Ansatz zeigt, dass Barrierefreiheit häufig weniger an fehlenden Ideen scheitert als an mangelnder Verstetigung, fehlenden Zuständigkeiten oder unzureichender Berücksichtigung in Planungsprozessen. Umso wichtiger ist eine Haltung, die Offenheit für Veränderungen fördert und kontinuierliche Weiterentwicklung als selbstverständlichen Bestandteil gemeinschaftlicher Arbeit versteht.
Soziale Innovation beginnt mit Reflexion
Ein weiteres vorgestelltes Instrument war der PosIA-Index – der Index Soziale Innovation für das Alter. Er unterstützt Organisationen, Initiativen und Einrichtungen dabei, ihre Arbeit systematisch zu reflektieren und Entwicklungspotenziale sichtbar zu machen.
Im Zentrum steht die Frage, was soziale Innovation im Kontext des Alterns bedeutet. Dabei wird soziale Innovation als Veränderung sozialer Beziehungen, Strukturen und Systeme verstanden, die gesellschaftliche Herausforderungen aufgreift und menschlichen Bedürfnissen dient.
Der PosIA-Index bietet verschiedene Möglichkeiten der Anwendung – von der Selbsteinschätzung über die gemeinsame Reflexion bis hin zur Entwicklung konkreter Ziele und Maßnahmen. Besonders wertvoll ist dabei der dialogorientierte Ansatz. Unterschiedliche Perspektiven werden sichtbar gemacht und können in einen gemeinsamen Lernprozess einfließen.
Gerade für Kommunen, Netzwerke und lokale Initiativen eröffnet dies die Möglichkeit, bestehende Strukturen kritisch zu hinterfragen und neue Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln.
Sorgende Gemeinschaften leben von Beziehungen
Neben strukturellen und organisatorischen Fragen widmete sich der Vortrag auch der persönlichen Ebene von Haltung. Vorgestellt wurden Methoden der personenzentrierten Gesprächsführung sowie Ansätze zur Selbstreflexion.
Aktives Zuhören, Wertschätzung, Authentizität und Empathie bilden wichtige Grundlagen für gelingende Beziehungen. Sie schaffen Vertrauen und fördern Beteiligung. Gleichzeitig wurde deutlich, dass Haltung kein statischer Zustand ist. Sie entwickelt sich durch kontinuierliche Reflexion, Austausch und die Bereitschaft, eigene Annahmen zu hinterfragen.
Methoden wie kollegiale Gespräche, Supervision oder einfache Reflexionsinstrumente können dabei unterstützen, blinde Flecken zu erkennen und das eigene Handeln weiterzuentwickeln.
Fazit
Im Vortrag wurde deutlich, dass Sorgende Gemeinschaften weit mehr sind als eine Organisationsform. Sie beruhen auf einer gemeinsamen Haltung, die Menschen nicht auf Unterstützungsbedarfe reduziert, sondern ihre Fähigkeiten, Erfahrungen und Ressourcen in den Mittelpunkt stellt.
Eine tragfähige Sorgekultur entsteht dort, wo Verantwortung geteilt wird, Vielfalt als Stärke verstanden wird und Teilhabe für alle Menschen ermöglicht werden soll. Instrumente wie der kubia-Qualitätsstern, das Vorgehensmodell „Eine Party für alle“ oder der PosIA-Index können dabei helfen, diese Haltung in konkretes Handeln zu übersetzen.
Für Kommunen, Organisationen, Initiativen und engagierte Bürger:innen liegt darin eine wichtige Zukunftsaufgabe: Sorge nicht ausschließlich als professionelle Dienstleistung zu verstehen, sondern als gemeinschaftliche Verantwortung für ein gutes Leben im Alter und für ein gelingendes Zusammenleben im Sozialraum.
Handzettel
Für einen kurzen Überblick haben wir Ihnen die Inhalte des Inputs auch als Handzettel zusammengefasst:
