Der abschließende Teil des diesjährigen Digitalen Fachtags des Forum Seniorenarbeit NRW widmete sich der Frage, wie Engagementstrukturen im Kontext Sorgender Gemeinschaften strategisch und langfristig gefördert werden können. Ausgangspunkt war die Einordnung in den Baustein „Verstetigen“ der „Toolbox Sorgende Gemeinschaft“, die im Rahmen des schweizerischen Projekts CareComLabs (2019–2022) entwickelt wurde und zentrale Schritte für den Auf- und Ausbau Sorgender Gemeinschaften beschreibt.
Verstetigung als mehrstufiger Prozess
Die Verstetigung Sorgender Gemeinschaften ist kein einzelner Schritt, sondern ein Prozess, der verschiedene Voraussetzungen und Entwicklungsschritte umfasst. Ziel ist es, Engagement nicht nur punktuell zu fördern, sondern dauerhaft in lokale Strukturen einzubetten und flexibel weiterzuentwickeln. Diese Schritte werden sowohl von engagierten Initiativen als auch von hauptamtlichen Akteur:innen gegangen – erst im Zusammenspiel beider Parteien kann eine stabile Grundlage für nachhaltige Entwicklung entstehen.
Vier zentrale Schritte prägen den Weg zur nachhaltigen Verankerung:
1. Idee verbreiten und kulturellen Wandel fördern
Ein zentraler Aspekt der Verstetigung ist das Wachstum der Idee Sorgender Gemeinschaften. Dabei geht es nicht nur um quantitative Aspekte, wie steigende Beteiligungszahlen, sondern vor allem um einen qualitativen Wandel des Verständnisses von Sorge: Sorge wird zunehmend als gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe verstanden, Verantwortung wird auf mehrere Schultern verteilt – und das im Kontext einer stärkeren Vernetzung zwischen Zivilgesellschaft, Sozialwesen und Gesundheit. Wachstum bedeutet hier also vor allem ideelles Wachstum im Sinne eines kulturellen Wandels, der im Kleinen beginnt und Schritt für Schritt weiterwachsen kann.
2. Wirkungen und Nutzen sichtbar machen
Um Engagement langfristig zu sichern, ist es entscheidend, Wirkungen nachvollziehbar darzustellen und greifbar zu machen. Dabei haben unterschiedliche Akteur:innen verschiedene Perspektiven: Engagierte betonen häufig Sinnstiftung und Gemeinschaft, Personen die Unterstützung erhalten, sehen konkrete Verbesserungen im Alltag, Organisationen und Kommunen fokussieren stärker Entlastungssysteme und strukturelle Effekte. Ein gemeinsamer Nenner für die Arbeit ist wichtig und kann bspw. die Förderung sozialer Solidarität und gemeinwohlorientierter Unterstützung sein.
Zur Bewertung von Wirkung und Nutzen können sowohl quantitative Anzeiger (Anzahl der Beteiligten, Teilnehmendenzahl an Veranstaltungen, Bekanntheitsgrad in der Bevölkerung) als auch qualitative Anzeiger (gesteigertes Bewusstsein für gegenseitige Unterstützung, höhere Wertschätzung von Sorgearbeit, zunehmende Aufmerksamkeit füreinander) dienen. Qualitative Entwicklungen lassen sich dabei besonders gut durch Gespräche, Interviews, Beobachtungen und Erfahrungsberichte erfassen.
Zur Sicherung und Weiterentwicklung von Engagementstrukturen empfiehlt sich eine systematische Dokumentation – etwa durch regelmäßige Austauschformate wie runde Tische oder Arbeitskreise, mit strukturierten Protokollen als „Ideenspeicher“ sowie visuelle Aufbereitungen von Ergebnissen. Eine Möglichkeit, Wirkungen öffentlich sichtbar zu machen, sind Posterkampagnen, die mit kurzen O-Tönen und Bildern arbeiten (siehe Abb. 1). Sie ermöglichen es, persönliche Erfahrungen und konkrete Effekte niedrigschwellig darzustellen und auch Außenstehende anzusprechen – nutzbar sowohl für Initiativen als auch für hauptamtliche Akteur:innen, verbreitbar als lokale Aushänge oder in digitaler Form.

3. Reflexion und Weiterentwicklung
Ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur Verstetigung besteht darin, eigene Erfahrungen systematisch auszuwerten und daraus Konsequenzen für die Weiterentwicklung abzuleiten. Reflexion dient dabei nicht allein dem Rückblick, sondern schafft die Grundlage, um Erfolge sichtbar zu machen, Herausforderungen frühzeitig zu erkennen und die Zusammenarbeit langfristig zu stärken.
Reflexion sollte sowohl individuell als auch gemeinsam erfolgen. Fragen wie „Was ist gut gelungen?“, „Wo gab es Schwierigkeiten?“ oder „Welche Erfahrungen haben andere gemacht?“ helfen dabei, unterschiedliche Perspektiven zusammenzuführen und gemeinsame Lernprozesse anzustoßen. Damit Reflexion wirksam werden kann, braucht es bewusst geschaffene Zeitfenster und geeignete Formate – von (informellen) Austauschrunden bis hin zu strukturierten gemeinsamen Rückblicken. Ergänzend können einfache Erhebungsmethoden wie Befragungen, Interviews oder Feedbackformate wertvolle Hinweise liefern, welche Maßnahmen wirken und wo Anpassungsbedarf besteht. So entsteht eine tragbare Grundlage für Entscheidungen.
Zwei konkrete Instrumente unterstützen diesen Prozess:
- Netzwerk-Radar Caring Communities (NRCC) hilft Akteur:innen, ihre Zusammenarbeit anhand verschiedener Qualitätsdimensionen gemeinsam einzuschätzen. Im Mittelpunkt stehen dabei weniger die erreichten Punktwerte als vielmehr der Austausch über die individuellen Bewertungen – gerade diese Diskussionen machen verschiedene Perspektiven sichtbar und liefern wichtige Impulse für die Weiterentwicklung der Zusammenarbeit.
- Plattform Soziale Innovationen und Gemeinwohlorientierte Unternehmen (SIGU-Plattform) bietet Informationen, Orientierung und Beispiele, wie soziale Innovationen beschrieben und ihre Wirkungen nachvollziehbar gemacht werden können. Das erleichtert nicht nur die interne Weiterentwicklung, sondern unterstützt auch dabei, Initiativen gegenüber Politik, Verwaltung oder Fördermittelgebern überzeugend darzustellen.
4. Tragfähige Rahmenbedingungen schaffen
Verstetigung bedeutet auch, tragfähige organisatorische Rahmenbedingungen zu schaffen. Sorgende Gemeinschaften benötigen einerseits verlässliche Strukturen und klare Zuständigkeiten, andererseits aber auch genügend Offenheit, damit neue Menschen, Ideen und Beteiligungsformen jederzeit ihren Platz finden können. Die Balance zwischen Stabilität und Flexibilität bildet eine wichtige Voraussetzung für nachhaltige Entwicklung.
Zwei Instrumente können bei der strategischen Verankerung helfen:
- Leitfaden „Lokale Engagementstrategien entwickeln“ (Friedrich-Ebert-Stiftung) unterstützt Kommunen und Organisationen dabei, vorhandene Aktivitäten miteinander zu verbinden, gemeinsame Ziele zu entwickeln und Engagement langfristig in kommunale Entwicklungsprozesse einzubetten. Beschrieben werden vier aufeinander aufbauende Schritte: Klärung des Anlasses, gemeinsame Entwicklung von Zielen, Prioritäten und Verantwortlichkeiten, politische bzw. organisatorische Verankerung sowie Umsetzung mit klaren Zuständigkeiten, Zeitplänen und kontinuierlicher Überprüfung. Seit der Verabschiedung der Engagementstrategie des Landes NRW 2021 haben bislang nur wenige Kommunen eigene lokale Adaptionen veröffentlicht – umso bedeutender ist die Rolle des Leitfadens.
- BBE-Checkliste „Kommunale Engagementpolitik“ ein praxisnahes Instrument zur Weiterentwicklung kommunaler Rahmenbedingungen. Mithilfe eines strukturierten Fragenrasters können Kommunen prüfen, welche engagementfördernden Voraussetzungen bereits vorhanden sind und wo Entwicklungsbedarf besteht. Im Mittelpunkt stehen die strategische Verankerung von Engagementförderung, eine unterstützende Infrastruktur, ausreichende Ressourcen sowie Kooperation und kontinuierliche Lernprozesse.
Fazit
Deutlich wird: Kein Werkzeug allein kann eine Verstetigung bewirken. Erst das Zusammenspiel aus gemeinsamer Reflexion, nachvollziehbarer Wirkungserfassung, strategischer Planung und geeigneten Rahmenbedingungen schafft die Voraussetzungen dafür, dass aus Projekten langfristig tragfähige Strukturen entstehen. Entscheidend ist dabei nicht nur das Wachstum einzelner Initativen, sondern vor allem die langfristige Verankerung einer gemeinsamen Sorgekultur.
Die vorgestellten Werkzeuge finden Sie unter u.s. Links:
- Toolbox Sorgende Gemeinschaften 1.0
- Methodenkoffer Hochschule Fulda
- Gestaltungstool Canva
- Netzwerk-Radar Caring Communities (NRCC)
- Wirkungstoolfinder (SIGU-Plattform)
Handzettel
Für einen kurzen Überblick haben wir Ihnen die Inhalte des Inputs auch als Handzettel zusammengefasst: