Alter(n) mit Behinderung: Inklusive Senior:innenarbeit ist mehr als Barrierefreiheit

Das Projekt Forum Seniorenarbeit greift das Thema Alter(n) und Behinderung auf, weil gesundheitliche Einschränkungen und funktionale Beeinträchtigungen im höheren Lebensalter deutlich an Bedeutung gewinnen und eng mit Fragen von Prävention, Teilhabe und Lebensqualität verknüpft sind. Ausgehend vom Schwerpunkt Gesundheit & Prävention rückt dabei nicht nur die Vermeidung bzw. Verzögerung von Erkrankungen in den Fokus, sondern auch der Umgang mit bereits bestehenden Beeinträchtigungen im Sinne eines ressourcenorientierten, inklusiven Ansatzes.

Ältere Menschen mit Behinderung stehen in Bezug auf Angebote- und Versorgung an der Schnittstelle zweier professionalisierter Handlungsfelder: der Behindertenhilfe und der Senior:innennarbeit. In beiden Feldern geht es um die Sicherung von Teilhabe, Selbstbestimmung, Barrierefreiheit und Unterstützungsstrukturen – doch in der Praxis zeigen sich mitunter Brüche, Lücken und blinde Flecken, die eine altersgemäße, inklusive Versorgung dieser Bevölkerungsgruppe erschweren.

Als zentrale Herausforderungen im Feld älterer Menschen mit Behinderung sind festzuhalten:

  • Übergänge zwischen Behindertenhilfe und Altenhilfe
  • Pflegebedürftigkeit bei Menschen mit lebenslanger Behinderung
  • Alternde Angehörige von Menschen mit Behinderung
  • institutionelle Zuständigkeitskonflikte (Sozialrecht, Finanzierung, Fachkulturen)

Hier zeigt sich eine systemische Schwachstelle: Senior:innenarbeit ist häufig nicht inklusiv konzipiert, während Behindertenhilfe oft wenig altersspezifisch ausgerichtet ist.

Ältere Menschen mit Behinderungen als wachsende Gruppe

Durch medizinischen Fortschritt erreichen heute viele Menschen mit Behinderungen ein höheres Lebensalter als frühere Generationen. Gleichzeitig entwickeln viele Menschen erst im Alter Beeinträchtigungen (z. B. durch multiple chronische Erkrankungen, Sinnesverluste oder Mobilitätseinschränkungen). Zugleich geht mit dieser Entwicklung eine wachsende Anzahl älterer Menschen mit Behinderung und Pflegebedürftigkeit einher, was zu einer zunehmend komplexen Lebens- und Versorgungslage führt und höhere Anforderungen an Unterstützungsstrukturen stellt. Laut Hackmann und Kolleg:innen (2018) sind dabei drei verschiedene Gruppen zu unterscheiden:

Unsichtbarkeit und Datenlage

Es gibt bislang nur wenig statistische Erhebungen zu Alter(n) mit Behinderung und diese Datenlücken erschweren:

  • passgenaue Planungen,
  • Ressourcenallokation,
  • Evaluation von Angeboten.

Warum es eine eigene Perspektive braucht: Alter, Behinderung, Diskriminierung

Menschen, die mit einer Behinderung leben und zugleich älter werden, bleiben häufig doppelt unsichtbar:

  •  eine strukturelle Diskriminierung aufgrund von Behinderung manifestiert in Zugangsbarrieren zu Infrastruktur, Angeboten, Arbeit und Teilhabe (Ableismus).
  • eine altersbezogene Benachteiligung, die ältere Menschen als „nicht mehr produktiv“ oder „pflegebedürftig“ kategorisiert (Ageismus).

Inklusive Senior:innenarbeit – Grundsätze und Gestaltungsdimensionen

Ältere Menschen mit Behinderungen sind keine homogene Gruppe: ihre Beeinträchtigungen können körperlich, sensorisch, kognitiv, psychisch oder mehrfach sein. In der offenen Senior:innenarbeit und quartiersorientierten Arbeit müssen daher differenzierte Zugänge geschaffen werden, um echte Teilhabe zu ermöglichen. Einige Leitlinien sind:

  • Bedarfsgerechte und zielgruppenspezifische Ansprache
    Angebote müssen die unterschiedlichen Lebenslagen und Bedürfnisse sichtbar machen und adressieren –
    z. B. spezifische Kommunikationsformen (Leichte Sprache, Gebärdensprache, Brailleschrift und Audiotranskription), aber auch sozialräumlich verortete Ansätze, die Sichtbarkeit und Selbstbestimmung stärken. Das bedeutet, Menschen frühzeitig einzubeziehen und Angebote mit ihnen gemeinsam zu entwickeln.
  • Barrierefreiheit in allen Dimensionen
    Physische Barrieren (Rollstuhlgerecht, taktile Orientierung, barrierefreie Toiletten), kommunikative Barrieren (Aufbereitung von und Zugang zu Informationen) und organisationale Barrieren (flexible Teilnahmeformen, Begleitung) müssen abgebaut werden.
  • Niedrigschwellige Teilhabe und Vernetzung
    Räume wie Stadtteiltreffs, Begegnungszentren oder Treffen im Quartier sind hilfreich, um Isolation zu reduzieren und Begegnungen „auf Augenhöhe“ zu ermöglichen. Der gemeinwesenorientierte Ansatz bindet Menschen mit Behinderungen als aktive Mitgestaltende ein – und nicht nur als „Zielgruppe“.
  • Empowerment und Mitwirkung
    Menschen mit Behinderungen sollen Entscheidung über Inhalte, Formate und Zugänge mitbestimmen – also nicht nur Nutzer:innen, sondern Mitwirkende und Gestalter:innen der Angebote sein.

Anlaufstellen und Beispiel-Praxisprojekte in NRW

  • Über Förderprogramme wie den Fonds Kulturelle Bildung im Alter (Kubia) werden exemplarische inklusive Projekte unterstützt, die Ältere mit und ohne Behinderung zusammenbringen und lokale Initiativen stärken.
  • Das Lebenshilfe Center der Lebenshilfe Wohnverbund NRW gGmbH und Lebenshilfe Wohnen NRW gGmbH ist eine öffentliche Anlaufstelle für Menschen mit und ohne Behinderung.
  • Das Kompetenzzentrum Selbstbestimmt Leben NRW setzt sich mit dem Thema Alter(n) mit Behinderung punktuell auseinander, hat aber keinen spezifischen Schwerpunkt in dem Themenbereich.
  • HospInk – Hospizbegleitung Inklusiv (Katho NRW)
    Hierbei steht die Ausbildung von Menschen mit Behinderung als ehrenamtliche (Peer)-Begleiter_innen am Lebensende im Mittelpunkt.
  • MUTIG (Modelle der Unterstützung der Teilhabe von Menschen mit geistiger Behinderung im Alter innovativ gestalten) (Katho NRW, 2015-2028)
    Ziel des Projektes MUTIG war es aufzuzeigen, wie sich die professionellen Dienste in drei gemeindebasierten Wohnsettings (Wohnheime, Haus- und Wohngemeinschaften, unterstütztes Wohnen alleine oder zu zweit) auf ihre Klient:innen im Lebensabschnitt Alter einstellen können und sollen, um individuelle Teilhabemöglichkeiten zu sichern oder neue zu eröffnen.
  • LebensMomente ist ein inklusives Kulturprojekt der Lebenshilfe NRW, das Menschen mit und ohne Behinderung zusammenbringt – z. B. in Musik, Tanz oder Kunst. Hier werden kulturelle Ausdrucksformen als niedrigschwellige Zugangswege genutzt, um Teilhabe und Sichtbarkeit im Quartier zu fördern, was gerade ältere Menschen mit Behinderungen zugutekommt.
  • Im Rahmen des Projekts Inkluevo (Paritätischer NRW) werden inklusive Bildungs- und Lernformate entwickelt, die auch Menschen mit komplexen Behinderungen ein gemeinsames Lernen ermöglichen. Zwar zielt dies primär auf Erwachsenenbildung, die entwickelten Konzepte haben aber Relevanz für lebensweltliche Teilhabe im Alter, z. B. in Senior:innenbildungsangeboten.
  • Integration älterer Menschen mit Unterstützungsbedarf im Quartier – Ahlen
    In Ahlen wurde ein Modellprojekt durchgeführt, in dem ältere Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam partizipierten. Unter dem Titel „inklusiv-kreativ“ entwickelten Senior:innen und Menschen mit Lernbehinderungen zusammen eine Kunstausstellung und veranstalteten gemeinsame Kreativ-Workshops im Kunstmuseum und im Seniorenbüro. Begleitet wurde dies von niedrigschwelligen Themenabenden und Begegnungsaktivitäten, die Barrieren abbauten und Austausch ermöglichten.
  • Diakonische Stiftung Wittekindshof bietet entsprechend des Leitsatzes „Menschenwürde gestalten: Teilhabe in jedem Lebensalter“ Angebote für Menschen mit und ohne Beeinträchtigung oder psychischer Beeinträchtigung an. Mit Bezug zum Alter(n) gibt es zum Beispiel Tagesstrukturierende Angeboten (TSA) für „Ruheständler“.

Fazit

Ältere Menschen mit Behinderung haben Anspruch auf lebenslange, altersangepasste Teilhabe und Selbstbestimmung. Das verlangt ein Überwinden getrennter Strukturen hin zu einer integrierten, inklusionsorientierten Praxis. Leitlinien und partizipative Teilhabekonzepte bieten dafür normative und methodische Orientierung. In NRW gibt es aktuell lediglich eine überschaubare Anzahl von Angeboten in dem Bereich und für die Zielgruppe. Zugleich braucht es datenbasierte, kritische Bestandsaufnahmen, Vernetzungsprozesse zwischen Professionen und die Selbstvertretung der Betroffenen als Motor für real gelebte Inklusion. Für Kommunen und die Praxis heißt das: nicht nur Angebote „anpassen“, sondern Strukturen systematisch alters- und behinderungsgerecht gestalten und gemeinsam planen, so dass inklusive Angebote entstehen, an denen Menschen mit und ohne Behinderung teilnehmen können.

Quelle:
Hackmann, T., Huschik, G., Maetzel, J., Schmutz, S., Sulzer, L., Vollmer, J. (2018):
Pflege- und Unterstützungsbedarf sogenannter vulnerabler Gruppen. Schlussbericht.
Studie der Prognos AG im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit. Bonn.

Beitragsbild © danielmegias

Letzte Aktualisierung: 30. April 2026

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