Bestehendes vor Ort auf Alter(n)sfreundlichkeit prüfen: Diskussion der Ergebnisse des Netzwerktages

Gelingensfaktoren im Fokus

Die Diskussionen in den Werkstattformaten des Netzwerktags des Forum Seniorenarbeit NRW zeigten, dass die Entwicklung einer Age-friendly City (AFC) nicht allein durch einzelne Maßnahmen oder Angebote vorangetrieben wird. Vielmehr braucht es geeignete Rahmenbedingungen, eine entsprechende Haltung der beteiligten Akteur:innen und tragfähige Kooperations- und Vernetzungsstrukturen. Die Ergebnisse verdeutlichen zugleich, dass lokale Voraussetzungen und gewachsene Strukturen eine wichtige Rolle spielen, sich aus den unterschiedlichen Erfahrungen aber übertragbare Prinzipien ableiten lassen.

Als zentrale Gelingensbedingungen wurden zunächst Personen und Strukturen benannt, die den Prozess aktiv tragen. In der Senior:innenarbeit kommt es darauf an, Schlüsselpersonen zu identifizieren und Verbündete zu gewinnen, die die Idee einer altersfreundlichen Stadt weitertragen. Damit verbunden ist die Notwendigkeit, hauptamtliche Begleitstrukturen, feste Ansprechpersonen und ausreichende zeitliche sowie personelle Ressourcen vorzusehen.

Die Erfahrungen aus Gelsenkirchen und Radevormwald machen deutlich, dass Age-friendly City-Prozesse insbesondere dann an Verbindlichkeit gewinnen, wenn Zuständigkeiten geklärt sind und Ansprechpersonen über ausreichend Arbeitszeit verfügen. Ebenso wichtig sind Sichtbarkeit und eine gute Vernetzung innerhalb der Verwaltung und darüber hinaus. In Radevormwald wurde zudem die Bedeutung einer systematischen Bedarfsermittlung hervorgehoben, während in Münster vor allem die strategische und praktische Vernetzung sowie Begegnungen „auf Augenhöhe“ zwischen hauptamtlichen und ehrenamtlichen Akteur:innen als zentral herausgestellt wurden.

Über die strukturellen Voraussetzungen hinaus wurde eine bestimmte Kooperations- und Haltungskultur als wesentlich angesehen. „Kooperation statt Konkurrenz“ wie am Beispiel des Generationennetzes in Gelsenkirchen beschreibt dabei nicht nur die Zusammenarbeit zwischen Organisationen, sondern verweist auf eine grundlegende Haltung: Gemeinsame Ziele und ein abgestimmtes Leitbild müssen stärker in den Vordergrund treten als organisationsbezogene Einzelinteressen. Partizipation ist dabei ein weiterer zentraler Baustein. Die Perspektiven älterer Menschen sollten nicht erst bei der Umsetzung einzelner Angebote, sondern bereits bei der Entwicklung gemeinsamer Ziele und Maßnahmen berücksichtigt werden. Auch die eigene Haltung sowie die Haltung des jeweiligen Trägers gilt es kritisch zu reflektieren. Gerade für eine vielfältige Senior:innenarbeit bedeutet dies, bestehende Routinen und Zielgruppenvorstellungen zu hinterfragen und Angebote so auszurichten, dass unterschiedliche Lebenslagen älterer Menschen berücksichtigt werden.

Die Werkstätten zeigten außerdem, dass Vernetzung unterschiedliche Ebenen braucht. Sie reicht von persönlichen Kontakten und Begegnungsmöglichkeiten bis hin zu strategischen Kooperationen zwischen Verwaltung, Wohlfahrtspflege, Zivilgesellschaft und weiteren Akteur:innen. Persönliche Begegnung und Sensibilisierung können dabei eine wichtige Grundlage für Kooperation bilden. Zugleich braucht es Formate, in denen Akteur:innen an den Schnittstellen ihrer Arbeitsfelder miteinander ins Gespräch kommen. In einer Werkstatt wurde angeregt, für solche Gespräche gewissermaßen „den Arbeitskittel abzulegen“ und dass ressort- und organisationsübergreifende Zusammenarbeit Räume benötigt, in denen nicht nur bestehende Zuständigkeiten verteidigt, sondern gemeinsame Perspektiven entwickelt werden können. Unterschiedliche Gesprächs- und Austauschformate können hierfür geeignete Rahmen schaffen. Es braucht zudem Stadt weite und sozialräumlich kleinere Austausch- und Vernetzungsformate.

Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussionen lag auf der Übertragbarkeit der Erfahrungen. Dabei wurde deutlich, dass es weniger darum geht, einzelne Projekte unverändert an andere Orte zu übertragen. Vielmehr können konkrete Ansätze als Anregung dienen, die an die jeweiligen lokalen Bedingungen angepasst werden. Dazu gehören beispielsweise barrierearme, spezialisierte und vielfältige Angebote, kostengünstige Formate oder niedrigschwellige Möglichkeiten des sozialen Kontakts. Die in den Werkstätten genannten Beispiele – etwa Rikscha-Pilot:innen, Geburtstagsanschreiben oder die Aktivierung und Motivation bereits bestehender ehrenamtlicher Strukturen – verdeutlichen, dass eine altersfreundliche Stadt nicht zwangsläufig auf neue, kostenintensive Angebote angewiesen ist. Vielmehr kann es sinnvoll sein, bestehende Strukturen und „Sowieso-Aufgaben“ systematisch daraufhin zu prüfen, welchen Beitrag sie zu den Zielen einer Age-friendly City leisten können.

Damit wird zugleich ein wichtiger Perspektivwechsel sichtbar: Das Konzept der Age-friendly City kann als Querschnittsperspektive genutzt werden, mit der bestehende Aktivitäten sichtbar gemacht, weiterentwickelt und miteinander verbunden werden. In diesem Sinne geht es nicht nur darum, neue Angebote „für ältere Menschen“ zu schaffen. Vielmehr stellt sich die Frage, wie vorhandene kommunale Strukturen, Dienstleistungen, Begegnungsorte, Beteiligungsmöglichkeiten und Netzwerke so gestaltet werden können, dass sie unterschiedlichen älteren Menschen zugutekommen und Teilhabe ermöglichen. In der entsprechenden Ausgestaltung können davon zugleich Menschen aller Altersgruppen profitieren, sodass Alter(n)sfreundlichkeit als eine generationenübergreifende Perspektive kommunaler Entwicklung verstanden werden kann.

Insgesamt lassen sich die Diskussionsergebnisse somit auf zwei Ebenen bündeln: Auf der strukturellen Ebene braucht es klare Zuständigkeiten, Ressourcen, Sichtbarkeit, Bedarfsermittlung und tragfähige Netzwerke. Auf der kulturellen und fachlichen Ebene sind Kooperation statt Konkurrenz, Partizipation, Begegnung auf Augenhöhe und die Bereitschaft zur Selbstreflexion entscheidend. Die lokalen Beispiele aus Düsseldorf, Gelsenkirchen, Radevormwald und Münster sowie die Perspektive auf Vielfalt in der Senior:innenarbeit zeigen dabei unterschiedliche Wege, wie diese Bedingungen konkret ausgestaltet werden können. Die Übertragbarkeit liegt weniger in der Übernahme einzelner Maßnahmen als in den dahinterliegenden Prinzipien und Haltungen, die jeweils an die örtlichen Gegebenheiten angepasst werden müssen.

Wie kann die Senior:innenarbeit dazu beitragen, eine alternsgerechte Stadt mitzugestalten?

Senior:innenarbeit kann einen wichtigen Beitrag dazu leisten, eine alternsfreundliche Stadt mitzugestalten, indem sie ältere Menschen aktiv an kommunalen Entwicklungsprozessen beteiligt, ihre unterschiedlichen Lebenslagen und Bedarfe sichtbar macht und diese an Entscheidungsträger:innen und andere relevante Akteur:innen rückspiegelt. Dabei geht es nicht nur darum, Angebote für ältere Menschen zu schaffen, sondern sie als Expert:innen ihrer eigenen Lebenswelt anzuerkennen und ihr Wissen und ihre Perspektiven in die Gestaltung des urbanen Raums einzubeziehen. Senior:innenarbeit kann zudem dazu beitragen, sichere und zugängliche Räume zu schaffen, in denen Begegnung und Teilhabe unabhängig von Konsum und Leistungsanforderungen möglich sind. In der Diskussion wurden auch Bezüge zum Konzept der Caring Community deutlich: Eine alternsfreundliche Stadt schafft Strukturen, in denen unterschiedliche Akteur:innen miteinander in Beziehung treten, Verantwortung teilen und Sorge füreinander ermöglichen. In diesem Sinne können alternsfreundliche Städte als ein Schritt auf dem Weg zu einer sorgenden Gemeinschaft verstanden werden, da sie nicht nur die Lebensbedingungen älterer Menschen verbessern, sondern auch die Vernetzung von Zivilgesellschaft, Politik, Verwaltung, Fachpraxis und weiteren lokalen Akteur:innen fördern und damit gemeinschaftliche Formen des Sorgens stärken.

Teile diesen Beitrag: