„Ältere Menschen profitieren von verbesserten Teilhabemöglichkeiten, kürzeren Wegen zu Unterstützungsangeboten und einer stärkeren sozialen Einbindung.“ – Im Gespräch mit Julius Leberl

Praxis:Nah – im Gespräch 03/2026

Das gesamte Interview als PDF Dokument: Im Gespräch_Gelsenkirchen


In der Betragsreihe „Praxis:Nah“ stellen wir regelmäßig gelungene Beispiele aus der Senior:innenarbeit vor. Im Format „Praxis:Nah – im Gespräch“ erzählen die Akteur:innen selbst von ihren Erfahrungen, machen ihre Arbeit sichtbar und teilen ihre Perspektiven für die Zukunft.

Netzwerktag 2026:
Age-friendly Cities in NRW: Alter(n)sfreundliche Kommunen in der Praxis

Der Netzwerktag 2026 des Forum Seniorenarbeit NRW widmete sich dem WHO-Konzept der „Age-friendly City“. Im Mittelpunkt standen die Strukturen, Strategien und Praxisansätze der fünf alter(n)sfreundlichen Kommunen in Nordrhein-Westfalen: Radevormwald, Gelsenkirchen, Düsseldorf, Münster und Bochum. Die Vertreter:innen der Kommunen stellten beim Netzwerktag in Gelsenkirchen ihre Perspektiven, Erfahrungen und Ansätze rund um den Gestaltungsprozess alter(n)sfreundlicher Städte und Gemeinden anhand von fünf Leitfragen dar.

Die Stadt Gelsenkirchen ist im Jahr 2025 dem globalen Age-friendly City Netzwerk der WHO beigetreten. Julius Leberl ist Senioren- und Behindertenbeauftragter, im Vorstand des Generationennetzes Gelsenkirchen e.V. und kommunaler Ansprechpartner rund um das Thema Age-friendly City der Stadt Gelsenkirchen

© Julius Leberl

1. Ausgangspunkt und Motivation

Was war der konkrete Anlass oder Bedarf, der den Anstoß für Ihre Kommune gegeben hat, den Weg hin zu einer alter(n)sfreundlichen Kommune bzw. Age-friendly City zu beginnen?

Der demografische Wandel in Verbindung mit sozialen und gesundheitlichen Ungleichheiten waren zentrale Beweggründe für Gelsenkirchen, den Prozess hin zu einer alter(n)sfreundlichen Kommune aktiv zu gestalten. Gemeinsam mit dem Generationennetz Gelsenkirchen e.V. verfolgt die Stadt Gelsenkirchen seit vielen Jahren das Ziel, älteren Menschen ein selbstbestimmtes Leben im vertrauten Wohnumfeld zu ermöglichen. Die Aufnahme in das WHO-Netzwerk bietet die Chance, bestehende Aktivitäten strategisch weiterzuentwickeln, internationale Erfahrungen zu nutzen und die Alter(n)sfreundlichkeit dauerhaft als kommunale Querschnittsaufgabe zu verankern.

2. Prioritäten und Maßnahmen

Es gibt die acht Handlungsfelder: Öffentlicher Raum, Verkehr und Mobilität, Wohnen, Soziale Teilhabe, Soziale Inklusion und Nichtdiskriminierung, bürgerschaftliches Engagement und Beschäftigung, Kommunikation und Information, Kommunale Dienstleistungen und Gesundheitsdienstleistungen. Welche Handlungsfelder wurden zu Beginn als besonders relevant identifiziert und welche konkreten Maßnahmen wurden daraufhin umgesetzt?

In Gelsenkirchen stehen Information, bürgerschaftliches Engagement sowie kommunale Dienstleistungen im Fokus. Mit dem Generationennetz wurden quartiersbezogene Unterstützungsangebote, Begegnungsmöglichkeiten und Beratungsstrukturen ausgebaut. Gleichzeitig wurden Netzwerke zwischen Stadtverwaltung, Wohlfahrtsverbänden, Gesundheitswesen, Wohnungswirtschaft und Ehrenamt gestärkt, um bedarfsgerechte Angebote wohnortnah zu entwickeln.

Wir denken ganzheitlich und versuchen möglichst viele Aspekte zu berücksichtigen. Ich spreche mit der Verkehrsverwaltung über Ampelkreuzungen und gleichzeitig spreche ich auch mit den Kollegen vom Jugendamt, wie wir es schaffen können die Präventionsketten auch nach außen hin kontinuierlich zu definieren.

3. Beteiligung

Wie wurden relevante Akteur:innen sowie ältere Bürger:innen mit in die Planung und Umsetzung der Maßnahmen einbezogen?

Wir haben aus der Lenkungsgruppe zu Age-friendly City heraus gemeinsam mit Sozialamt, aktiv55plus und Seniorenbeirat einen Fragebogen entwickelt mit rund 80 Fragen, versendet an Menschen mit über 59 Jahren. Rd. 3.000 Fragebögen gingen raus, rd. 1.200 kamen zurück (rund 40 %). Dies stellt eine sehr gute Rücklaufquote dar. In Kürze werden dazu Maßnahmen entwickelt, die dann der Politik vorgestellt werden sollen.

4. Herausforderungen im Umsetzungsprozess

Mit welchen Herausforderungen oder Hindernissen in der Planung und Umsetzung waren Sie konfrontiert, welche Lösungsansätze wurden gefunden und welche Herausforderungen bleiben bestehen?

Die Entwicklung erfolgte gemeinsam mit älteren Bürgerinnen und Bürgern sowie zahlreichen lokalen Akteurinnen und Akteuren. Das Generationennetz Gelsenkirchen e.V. fungiert dabei als Plattform für Beteiligung und Vernetzung. Bedarfe werden durch Beteiligungsformate, Gespräche im Quartier, Arbeitsgruppen und die enge Zusammenarbeit mit Vereinen, sozialen Einrichtungen und ehrenamtlich Engagierten kontinuierlich aufgenommen und in die Weiterentwicklung der Angebote eingebunden.

5. Wirkungen und Mehrwert

Welche Maßnahmen haben sich aus Ihrer Sicht als besonders wirksam erwiesen sowohl für ältere Menschen als auch für die Kommune und welche unerwarteten positiven Effekte konnten Sie beobachten?

Besonders wirksam haben sich die quartiersorientierte Vernetzung, niedrigschwellige Beratungs- und Begegnungsangebote sowie die enge Zusammenarbeit der Netzwerkpartner erwiesen. Ältere Menschen profitieren von verbesserten Teilhabemöglichkeiten, kürzeren Wegen zu Unterstützungsangeboten und einer stärkeren sozialen Einbindung. Für die Stadt entsteht ein Mehrwert durch abgestimmte Strukturen, effizientere Zusammenarbeit und eine höhere Lebensqualität im Quartier.

Man kann die Wirkweise häufig nicht beziffern, das ist das Problem. Vor Ort muss letzten Endes was passieren und da ist es so, dass ich eigentlich in die glücklichsten Gesichter gucke, wenn wir Begegnungsmöglichkeiten geschaffen haben und es ermöglichen, dass die Menschen so sein können, wie sie sein wollen.

 

Kontakt und Informationen

Julius Leberl
Senioren- und Behindertenbeauftragter Stadt Gelsenkirchen
Web-Adresse: https://www.gelsenkirchen.de/de/rathaus/politik_und_verwaltung/vorstandsbereiche_und_dienststellen/33543-koordinierungsstelle-senioren-und-behindertenbeauftragter-sbb

Quelle Beitragsbild: ©Julius Leberl und ©Africa images. Erstellt mit Canva.

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