Initiative Nachbarschaft in Bielefeld: Kontakte stärken und Unterstützung vermitteln

Praxis:Nah 07/2026 – Einblick in gelingende Senior:innenarbeit

Es ist, glaube ich, schön zu wissen, dass wir alle nicht alleine sind. Danke für Ihre Vermittlung!

– Zur Verfügung gestellt durch die Initiative Nachbarschaft der Stadt Bielefeld 2026.

Gute Nachbarschaft wird von vielen Menschen gewünscht und geschätzt. Persönliche Kontakte, Alltagshilfen und gemeinsame Erlebnisse tragen dazu bei, das nachbarschaftliche Zusammenleben zu gestalten. Solche Verbindungen ergeben sich aber oft nicht von selbst. Hier setzt die Initiative Nachbarschaft der Stadt Bielefeld an. Als Teil der Quartierssozialarbeit des Sozialamtes verfolgt sie das Ziel, nachbarschaftliche Kontakte zu stärken und zu aktivieren. Sie bringt Menschen zusammen, die sich ehrenamtlich engagieren möchten, und Menschen, die sich Kontakt oder Unterstützung im Alltag wünschen.

Die Initiative Nachbarschaft wird von zwei Mitarbeitenden organisiert, an die sich Personen mit Interesse an einem ehrenamtlichen Engagement wenden können. In einem persönlichen Gespräch konkretisieren Interessierte gemeinsam mit den Mitarbeitenden Wünsche und Vorstellungen. Dabei geht es unter anderem um Fragen wie: Wie möchte ich anderen Menschen helfen? Was macht mir Freude? Wie kann ich mich einbringen? Für ein Engagement sind weder das Alter noch die bisherige Wohndauer in Bielefeld oder Deutschland oder Erfahrungen im Ehrenamt entscheidend.

Im Mittelpunkt stehen die persönlichen Interessen, Fähigkeiten und Möglichkeiten derjenigen, die sich engagieren möchten. Die Engagierten sind in der Regel zwischen Anfang 20 und Anfang 90, befinden sich somit in unterschiedlichen Lebensphasen und bringen daher vielfältige Kompetenzen, zeitliche Ressourcen und Fähigkeiten mit. Wenn die Einsatzidee konkretisiert ist, schlagen die Mitarbeitenden den Ehrenamtlichen ein mögliches Gegenüber vor – im Idealfall möglichst wohnortnah. Vor einem Vermittlungstermin muss ein Führungszeugnis beantragt werden, was über die Bürgerberatung unkompliziert möglich ist. Das erste Treffen zwischen Engagierten und Personen mit Unterstützungsbedarf wird von einer Mitarbeitenden begleitet – bei gegenseitiger Sympathie entscheiden beide Personen gemeinsam, wie sie sich in Zukunft treffen möchten. Auch Personen, die auf der Suche nach Kontakt und Unterstützung sind, können sich ebenfalls an die Initiative Nachbarschaft wenden. In diesem Fall besprechen die Mitarbeitenden die Wünsche und Bedürfnisse der Person und suchen nach einem passenden Gegenüber. In der Regel handelt es sich bei den Anfragenden um ältere Menschen oder Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen.

Die konkrete Gestaltung der Kontakte richtet sich nach individuellen Unterstützungsbedarfen und den Absprachen zwischen den Beteiligten. Die Engagierten unterstützen ihr Gegenüber beispielsweise beim Einkaufen, übernehmen kleinere Besorgungen oder verbringen gemeinsam Zeit bei einer Tasse Kaffee oder einem Spaziergang. Darüber hinaus machen sie auf Angebote im jeweiligen Stadtteil aufmerksam, unterstützen als „Brückenbauer“ den Umgang mit Behörden oder Arztpraxen und können zu einem Teil des sozialen Umfelds der Menschen werden, die sie begleiten. Durch die persönlichen Kontakte können sie zu Vertrauenspersonen werden und den nachbarschaftlichen Zusammenhalt stärken.

Ein wesentlicher Gelingensfaktor der Initiative ist die Begegnung auf Augenhöhe. Sowohl die Ehrenamtlichen als auch die Menschen, die Unterstützung suchen, können von den entstandenen Kontakten profitieren. Die persönlichen Begegnungen ermöglichen gegenseitige Unterstützung und tragen dazu bei, neue Netzwerke aufzubauen. So eröffnet das Ehrenamt beispielsweise Menschen mit Fluchtgeschichte die Möglichkeit, sich stärker zu integrieren und ihre Deutschkenntnisse im Alltag zu verfestigen.

Die Initiative versteht sich dabei nicht allein als Vermittlungsstelle. Auch nach einem gelungenen Kennenlernen stehen die Mitarbeitenden beiden Seiten weiterhin für einen guten Austausch zur Verfügung, sofern sie dies wünschen. Damit bleibt eine Begleitung möglich, wenn im Verlauf der Kontakte Fragen oder Unterstützungsbedarfe entstehen. Einzelgespräche und Gruppentreffen bieten den Ehrenamtlichen zudem Gelegenheit, ihre Erfahrungen zu reflektieren. Dies kann dazu beitragen, die Freude am Ehrenamt langfristig zu erhalten. Gleichzeitig können weitere Hilfebedarfe der Menschen, die Unterstützung erhalten, frühzeitig erkannt werden. Falls erforderlich, kann eine Versorgung durch die Beantragung zusätzlicher Leistungen gewährleistet werden.

Mittlerweile hat sich die Initiative Nachbarschaft in Bielefeld durch niedrigschwellige Vermittlungen als verlässliche Anlaufstelle bewährt. Zugleich zeigt sich ein wachsender Bedarf: Immer mehr Verweisberatungen durch verschiedene Akteur:innen und Angebote führen zur Initiative. Darüber hinaus gibt es zunehmend mehr ältere Menschen, denen Unterstützung in unterschiedlichen Bereichen fehlt. Das persönliche Gespräch mit den Mitarbeitenden und das eingereichte Führungszeugnis können bei älteren Menschen Vertrauen schaffen – so werden auch Personen erreicht, die anderen gegenüber zunächst vorsichtig sind und sich nur schwer öffnen können. Die Gewinnung neuer Engagierter profitiert ebenfalls von vertrauensvollen Beziehungen. Durch die gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Engagierten mit Migrationshintergrund konnten weitere Engagierte über persönliche Empfehlungen gewonnen und Menschen erreicht werden, zu denen zuvor noch kein Zugang bestand.

Für den Aufbau einer solchen Initiative empfiehlt es sich, zunächst ein Konzept zu erarbeiten. Dazu gehört, festzulegen, welche Zielgruppen für ein ehrenamtliches Engagement gewonnen werden sollen und welche Arten von Unterstützung benötigt beziehungsweise angeboten werden können. Außerdem sollten organisatorische Fragen frühzeitig geklärt werden. Hierzu zählen beispielsweise die Versicherung, das Führungszeugnis und die Erstattung von Fahrtkosten. Für die Organisation der Vermittlungen kann eine Datenbank aufgebaut werden, beispielsweise auf Grundlage einer Excel-Tabelle. Anschließend gilt es, interessierte Personen zu gewinnen und Kontakte zwischen Ehrenamtlichen und Menschen mit Unterstützungsbedarf herzustellen. Im laufenden Prozess sind die Begleitung des Kennenlernens und die Vermittlung passender Kontakte wichtige Aufgaben. Darüber hinaus sollten Kooperationen mit anderen Akteur:innen aufgebaut werden. Dazu gehört, das eigene Angebot bekannt zu machen und Informationen über weitere Unterstützungs- und Engagementmöglichkeiten zusammenzutragen. Mögliche Anlaufstellen –auch für eine Verweisberatung– können Sozialberatung, Pflegeberatung, Deutschkurse oder andere Engagementmöglichkeiten bzw. Angebote im Stadtteil sein. Regelmäßige Austauschtreffen für die Ehrenamtlichen ergänzen die Umsetzung und schaffen Raum für den Austausch über Erfahrungen.

Für den Betrieb der Initiative fallen vor allem Personalkosten an, deren Höhe abhängig von der Größe der jeweiligen Kommune ist. Zusätzlich wird ein Budget für Auslagenerstattung benötigt. Dazu zählen beispielsweise Fahrtkosten, die den Ehrenamtlichen im Rahmen ihres Engagements entstehen. Die personellen Ressourcen werden unter anderem für persönliche Gespräche, die Vermittlung geeigneter Kontakte, die Begleitung des ersten Treffens und dem weiteren Austausch mit den Beteiligten benötigt. Hinzu kommen organisatorische Aufgaben wie die Pflege der Datenbank, die Kooperation mit anderen Akteur:innen und die Durchführung von Austauschtreffen. Mit einer gesicherten Finanzierung kann das Konzept der Initiative Nachbarschaft gut auf andere (Klein-)Städte übertragen werden. Ein Bedarf an nachbarschaftlicher Unterstützung ist vielerorts vorhanden, wobei nicht allen Personen möglich ist, sich selbst Unterstützung zu suchen oder zu organisieren. Zudem bietet die Initiative wohnortnahe Orientierung für Ehrenamtliche bzw. Interessierte an einer ehrenamtlichen Tätigkeit. Sie zeigt, wie persönliche Kontakte vermittelt und ehrenamtliche Unterstützung an individuellen Bedürfnissen ausgerichtet werden kann. Dabei verbindet sie die Gewinnung und Begleitung von Engagierten mit der Unterstützung von Menschen, die Kontakt oder Unterstützung im Alltag suchen.

Kontakt und weitere Informationen

Mareike Pietsch
Tel.: 0521 51-6736
Frauke Jantzen-Schmiedeskamp
Tel.: 0521 51-3893
E-Mail: initiative.nachbarschaft@bielefeld.de
Web: https://www.bielefeld.de/node/10700

Kriterien für gelungene Praxis – Zugang, Durchführung und Transfer

Eigene Darstellung nach Vorlage (Köster et al. 2008).

Wie die Angebote und Leistungen im Wirkungsbereich der Arbeit mit und für ältere Menschen in Deutschland erweisen sich auch die Kriterien für gelungene Praxis als vielfältig. Sowohl für bereits langjährig tätige Akteur:innen als auch Neueinsteiger:innen haben Köster et al. (2008) in diesem Sinne 12 Qualitätsziele (QZ) formuliert, eingebettet in die drei Qualitätszieldimensionen: Zugangs-, Durchführungs- und Transferqualität, die Akteur:innen in ihrer Arbeit eine Orientierung bieten.

Im Rahmen des Zugangs fragen die zugehörigen QZ nach der Ausarbeitung einer zielgruppenspezifischen und gegenüber Lebenslagen sensiblen Ansprachestrategie für ein Angebot oder eine Leistung von Akteur:innen. In der Dimension Durchführung werden anschließend Fragen nach Selbstbestimmung und Mehrwert für Angebotswahrnehmende und dessen nachhaltige Sicherung gestellt. Im Transfer geht es dann darum, Gelerntes aus der Anwendungsfähigkeit und -praxis sowie den Nutzen zu reflektieren.

Die einzelnen Qualitätsziele dienen dabei als Instrumente, um das individuelle Leitbild der Akteur:innen zu sichern. Aus diesem Grund gilt auch nicht „Je mehr, desto besser“. Qualitätsziele dienen dazu, eine Stimmigkeit und Begründetheit der Angebote und Leistungen mit dem Leitbild der Akteur:innen prozessual (wieder-)herzustellen. Akteur:innen stellen sich im Rahmen der Qualitätsziele also Relfexionsfragen, was für ihr jeweiliges Angebot oder ihre Leistung vor dem Hintergrund des Leitbildes Sinn ergibt und möglich ist.

Zugangsqualität

  • Individuelle Bedürfnis-, Interessen- und Ressourcenorientierung an den Engagierten 
  • Transparenz, Sichtbarkeit und Vernetzung mit anderen Akteur:innen im Feld 

Durchführungsqualität

  • Ein verlässlicher Etablierungsrahmen besteht 
  • Diversifizierte Expertisen und Kompetenzen kommen zusammen 
  • Kontakt- und Gemeinschaftsförderung sowie -etablierung werden gefördert 

Transferqualität

  • Ermöglichungsstrukturen für freiwilliges Engagement und Multiplikation bestehen

Literaturhinweise

Köster, D., Schramek, R. & S. Dorn, 2008: Qualitätsziele moderner SeniorInnenarbeit und Altersbildung. Oberhausen: ATHENA.

Quelle Beitragsbild: © AndreyPopov von Getty Images über Canva

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