Praxis:Nah – im Gespräch 06/2026
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In der Betragsreihe „Praxis:Nah“ stellen wir regelmäßig gelungene Beispiele aus der Senior:innenarbeit vor. Im Format „Praxis:Nah – im Gespräch“ erzählen die Akteur:innen selbst von ihren Erfahrungen, machen ihre Arbeit sichtbar und teilen ihre Perspektiven für die Zukunft.
Netzwerktag 2026:
Age-friendly Cities in NRW: Alter(n)sfreundliche Kommunen in der Praxis
Der Netzwerktag 2026 des Forum Seniorenarbeit NRW widmete sich dem WHO-Konzept der „Age-friendly City“. Im Mittelpunkt standen die Strukturen, Strategien und Praxisansätze der fünf alter(n)sfreundlichen Kommunen in Nordrhein-Westfalen: Radevormwald, Gelsenkirchen, Düsseldorf, Münster und Bochum. Die Vertreter:innen der Kommunen stellten beim Netzwerktag in Gelsenkirchen ihre Perspektiven, Erfahrungen und Ansätze rund um den Gestaltungsprozess alter(n)sfreundlicher Städte und Gemeinden anhand von fünf Leitfragen dar.

Daniela Noack ist Altenhilfeplanerin im Sozialamt und kommunale Ansprechpartnerin rund um das Thema Age-friendly City der Stadt Münster, die im Jahr 2022 dem Age-friendly City Netzwerk beigetreten ist.
© Daniela Noack
1. Ausgangspunkt und Motivation
Was war der konkrete Anlass oder Bedarf, der den Anstoß für Ihre Kommune gegeben hat, den Weg hin zu einer alter(n)sfreundlichen Kommune bzw. Age-friendly City zu beginnen?
Münster gilt als junge Stadt, aber auch hier leben viele und zunehmend mehr ältere Menschen. Derzeit sind etwas mehr als 25% über 60, das sind mehr als 81.000 Menschen, über die wir reden, die sich in Münster wohl fühlen sollen.
Schon immer waren die Bedarfe und Bedürfnisse der Zielgruppe divers, das hat aber zugenommen und glücklicherweise auch die damit zusammenhängenden Altersbilder. Dieser Vielfalt gerecht zu werden, ein gutes von Teilhabe geprägtes älter werden und alt sein zu unterstützen, war und ist Ziel der Stadt Münster.
Von daher haben wir auch aus Sicht der Verwaltung einen politischen Antrag, welcher auch durch die kommunale Seniorenvertretung unterstützt wurde, zum Beitritt zum Netzwerk „Age- friendly City“ begrüßt.
Warum haben Sie einen Mehrwert im Prozess bzw. der Aufnahme in das weltweite Netzwerk gesehen?
Die Stadt und viele Parter*innen kümmern sich seit langem um die Belange der Älteren Menschen in Münster. Das bestehende Engagement unter ein Dach zu nehmen, noch mehr aufeinander abzustimmen und nicht zuletzt sichtbarer zu machen, ist aus unserer Sicht ein großer Vorteil.
Darüber hinaus ist die durch „Age-friendly Cities“ entstandene Vernetzung für uns in der Arbeit ein großer Mehrwert: wir haben zu unterschiedlichen altersfreundlichen Städten gute Kontakte und konnten aus unserer Sicht bereits viel voneinander lernen, z.B. mit Blick auf die Umsetzung einer repräsentativen Bürger*innenbefragung, die derzeit ausgewertet wird.
2. Prioritäten und Maßnahmen
Es gibt die acht Handlungsfelder: Öffentlicher Raum, Verkehr und Mobilität, Wohnen, Soziale Teilhabe, Soziale Inklusion und Nichtdiskriminierung, bürgerschaftliches Engagement und Beschäftigung, Kommunikation und Information, Kommunale Dienstleistungen und Gesundheitsdienstleistungen. Welche Handlungsfelder wurden zu Beginn als besonders relevant identifiziert und welche konkreten Maßnahmen wurden daraufhin umgesetzt?
Die Handlungsfelder sind aus meiner Sicht nicht unbedingt trennscharf voneinander abzugrenzen. Aber man kann schon sagen, dass die Themen, welche vordergründig in der Verantwortung des Sozialamtes liegen, als erstes angegangen wurden und werden.
Da „Age-friendly City“ in Münster hier angesiedelt ist, lag es nahe, zunächst Planungen, Prozesse und Maßnahmen in den Blick zu nehmen, auf die wir unmittelbarer Einfluss haben. So wurden Soziale Teilhabe und Engagement in den Fokus genommen. Das heißt konkret wurde die Zusammenarbeit mit Begegnungsorten, auch als Keimzelle für Caring Communitys, intensiviert, fachliche Absprachen getroffen. Zudem werden die sogenannten Richtlinien zur Förderung von Begegnungsangeboten, welche auch ehrenamtlich getragene Angebote für Ältere finanziell unterstützt, angepasst.
Darüber hinaus wurden kommunale Dienstleistungen weiter verbessert und im Sinne der „Age-friendly City“ aufeinander bezogen. Es wurde z.B. ein Qualitätszirkel für die altengerechten, inklusiven Quartierszenten eingerichtet, oder die durch die Wohlfahrt umgesetzte „Sozialarbeit im Stadtteil“ noch stärker mit dem kommunalen „Sozialdienst Alter, Pflege und Teilhabe“ vernetzt.
In Münster gibt es viele und gute Angebote zur Teilhabe und zur Unterstützung. Aber manchmal fällt es schwer, die passenden Angebote zu finden oder sich in der Vielzahl zurecht zu finden. Daher war und ist es ein Anliegen, an der Kommunikation und Information weiterzuarbeiten. Das machen wir z.B. mit einer App aber auch weiterhin mit stadtteilorientieren Print-Broschüren.
Der Fokus lag im letzten Jahr darauf, Strukturen und Prozesse überprüfen, diese gegebenfalls anpassen, mit – teils neuen – Konzepten zu hinterlegen und aufeinander beziehen.
An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass leider die Stelle der Altenhilfeplanung längere Zeit vakant war. Die praktische Arbeit ging weiter, aber die strategische Ausrichtung im Sinne der „Age-friendly City“ konnte erst im letzten Jahr wieder Fahrt aufnehmen.
3. Beteiligung
Wie wurden relevante Akteur:innen sowie ältere Bürger:innen mit in die Planung und Umsetzung der Maßnahmen einbezogen?
Von Anfang an wurde die Kommunale Seniorenvertretung als gewählte Interessensvertretung der Älteren einbezogen. Diese fungiert als Bindeglied zwischen denen, um die es geht, Senior*innen, und der Politik.
Personen aus der Kommunalen Seniorenvertretung sind auch Mitglieder in den zwölf an Münsters Stadtteilen ausgerichteten Arbeitskreise „Älter werden in…“. In den Arbeitskreisen wirken lokale Einrichtungen und Institutionen der Altenhilfe und Pflege, ebenso wie Ehrenamtliche und Bürger*innen mit. Mit den AKs und weiteren Interessierten wurden z.B. unter Beteiligung des Oberbürgermeisters „Stadtteilspaziergänge“ durchgeführt, um Bedarfe zu erheben.
Derzeit läuft eine repräsentative Bürger*innenbefragung, wofür 5.000 Menschen über 60 Jahren angeschrieben wurden. Hierzu wurde der sogenannte „AFCCQ“ Fragebogen eingesetzt. Dieser wurde international entwickelt und orientiert sich an den acht zentralen Handlungsfeldern der Weltgesundheitsorganisation für altersfreundliche Kommunen.
Mit der guten Rückläuferquote in Höhe von 48% erhoffen wir uns nochmal direktes Feedback zu den in Münster zu setzenden Schwerpunkten.
2026 wurde zudem der „Beirat Altersfreundliche Stadt Münster“ eingerichtet. Der Beirat setzt sich zusammen aus Interessensvertreter*innen der älteren Menschen, auch aus Expert*innen z.B. der Wohlfahrt, des Sports oder der Fachhochschule und städtischen Vertreter*innen aus Bereichen wie Verkehr, Stadtplanung oder Gesundheit. Der Beirat begleitet die strategische Planung und gewährleistet langfristig die Arbeit in allen „Altersgerechten Umfeldern“.
Das sind einige der Beteiligungsformate, welche sich an unterschiedliche Zielgruppen wenden und die uns wichtig sind.
4. Herausforderungen im Umsetzungsprozess
Mit welchen Herausforderungen oder Hindernissen in der Planung und Umsetzung waren Sie konfrontiert, welche Lösungsansätze wurden gefunden und welche Herausforderungen bleiben bestehen?
Betrachtet man die Diversität der Handlungsfelder, gilt es viele Akteur*innen für das Thema zu gewinnen, die zwar alle Altersgruppen im Rahmen ihrer Arbeit regelhaft mitdenken, aber ältere Menschen und deren Bedarf nicht immer in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellen oder stellen können.
Insgesamt stehen interne und externe Partner*innen dem gesamten Prozess zur Umsetzung der altersfreundlichen Stadt aber sehr offen gegenüber und erkennen die Notwendigkeit.
Spezifische Herausforderungen bleiben trotzdem in der konkreten Umsetzung bestehen, wozu ich zwei Beispiele benennen möchte:
Die Abwägung unterschiedlicher Bedürfnisse der Bürger*innenschaft ist nicht immer eindeutig. Betrachtet man z.B. das Thema ÖPNV steht ggf. der Aufwand für Barzahlungen im Bus dem berechtigten Anliegen, nicht alle Dienstleistungen zu digitalisieren – was nicht nur aber besonders Ältere vor Herausforderungen stellen kann – entgegen. In dem konkreten Fall konnten die Stadtwerke sehr umfängliche, kostenfreie und spezielle für Ältere entwickelte Informationsmaterialen und in allen Stadtteilen mehrfach stattfindende Schulungen zur Nutzung der digitalen Bezahlmöglichkeiten umsetzen, um die Umstellung zu erleichtern – zudem können weiterhin an zentralen Stellen Bustickets mit Bargeld gekauft werden.
Ein schwieriges Thema, ganz generell, ist in Münster der Wohnungsmarkt. Dem wird mit Blick auf Senior*innen versucht, mit einer speziellen Wohnberatung zur Barrierefreiheit in bestehenden Wohnungsverhältnissen zu einem längeren Verbleib in der eigenen Häuslichkeit entgegenzutreten.
Darüber hinaus wird die Sozialplanung bei der Entwicklung von Baugebieten vom Stadtplanungsamt und bei der Erstellung der Vermarktungskonzepte städtischer Grundstücke durch das Amt für Immobilienmanagement beteiligt. Das ermöglicht es frühzeitig soziale Bedarfe einzubringen.
Erfreulich ist die Offenheit mit der andere Akteur*innen, die nicht für vordergründig soziale Umfelder zuständig sind, auf das Thema reagieren und bereit sind gemeinsam Lösungen und Kompromisse zu finden. Das schließt auch etwas an die zweite Frage zu den zu bearbeitenden Handlungsfeldern an.
5. Wirkungen und Mehrwert
Welche Maßnahmen haben sich aus Ihrer Sicht als besonders wirksam erwiesen sowohl für ältere Menschen als auch für die Kommune und welche unerwarteten positiven Effekte konnten Sie beobachten?
Die Altenhilfe ist, wie wir wissen, im § 71 SGB XII verankert. Durch den politischen Beschluss zum Beitritt zum Netzwerk „Age-friendly City“ und dem damit zum Ausdruck kommenden Willen auf lokaler Ebene, sich diesem Thema insgesamt und auch in der strategischen Planung anzunehmen, verschafft der Altenhilfe und Altenhilfeplanung trotzdem so etwas wie „Rückenwind“. Außerdem hat die Installation des Beirates zu einer noch engeren Vernetzung innerhalb der Verwaltung geführt.
Mit der „alters(n)freundlichen“ oder „altersgerechten“ Stadt verbinden Menschen etwas positives. Alter kann mit gesundheitlichen Einschränkungen und Pflege einhergehen und selbstverständlich ist dann auch die richtige Unterstützung wichtig und notwendig. Alter hat aber auch viele andere Facetten. „Age-friendly City“ kann durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit zu diverseren Altersbildern und damit in Zusammenhang stehenden Angeboten und Maßnahmen beitragen.
Durch die aktive Beteiligung von Bürger*innen und auch durch diverse Maßnahmen unter dem Dach von „Age-friendly City“ wie beispielhaft das Angebot eines „Hausbesuches für ältere Menschen ab 75“ haben die Menschen das Gefühl, dass die Kommune sich kümmert. „Unerwartet“ schön unter Bezug auf die Frage sind die vielen individuellen positiven Rückmeldungen dazu.
Insgesamt ist das Rad in Münster nicht neu erfunden worden durch den Beitritt zum Netzwerk „Age-friendly City“ – aber der Rahmen, der dadurch geschaffen wurde, und der überregionale Austausch haben ausschließlich positive Effekte.
Kontakt und Informationen
Daniela Noack
Stadt Münster
Sozialamt – Altenhilfeplanung
Web-Adresse: https://www.stadt-muenster.de/sozialamt/startseite
Quelle Beitragsbild: ©Daniela Noack und ©Africa images. Erstellt mit Canva.